Gastbeitrag: Hast Du schon jemals Moos gesehen?

„Hast du schon jemals Moos gesehen?
Nicht bloß so im Vorübergehen,
so nebenbei von oben her
so ungefähr –
nein, dicht vor Augen, hingekniet,
wie man sich eine Schrift besieht?“…

 Mit diesen Zeilen beginnt das Gedicht „Moos“ von Siegfried von Vegesack (1988 – 1974), eines deutschbaltischen Schriftstellers, der lange Jahre im Turm der Burgruine Weißenstein bei Regen im bayerischen Wald lebte. Viele deutsche Dichter haben die Natur „besungen“, doch keiner hat sich so dem Moos gewidmet, wie Siegfried von Vegesack. Kein Wunder, prägt doch das Land die Leute, und der ursprüngliche, archaische Bayerische Wald mit seinen vielen bemoosten Felsen und Bäumen hat den Dichter auf seinen Spaziergängen bestimmt inspiriert.

Moos


Zurück geht unser heutiges Wort Moos auf das althochdeutsche mos, das Moos, Sumpf, Moor bedeutet (Duden – Das Herkunftswörterbuch). Verwandt sind auch Flussnamen wie z. B. die Mosel (=Sumpfwasser), die auf indoeuropäisch musa Moor, Sumpf, Feuchte zurückzuführen ist (Atlas der wahren Namen – Etymologische Karte DeutschlandI). Alles schon sprachgeschichtliche Hinweise darauf, wo Moos zu finden ist:  an feuchten Stellen, in Senken, Sümpfen, Auenlandschaften, Mooren. Viel Wasser und schwere, nasse Erde kennzeichnen diese Gebiete. Durch und durch Yin. Wer jemals dort gewesen ist, weiß wie es sich anfühlt: Dunkel, ruhig, langsam. Sicher nichts für Melancholiker, aber bestens geeignet für überdrehte, hektische Zeitgenossen. Moos-moorige Landschaften, die einen willkommenen Ruhepunkt in einer Zeit setzen, die das Helle, Grelle und Schnelle „anbetet“.

Doch hören wir noch einmal von Vegesack zu, wie er das Moos liebevoll umschreibt:
…„O Wunderschrift! O Zauberzeichen!
Da wächst ein Urwald ohnegleichen
und wuchert wild und wunderbar
im Tannendunkel Jahr für Jahr,
mit krausen Fransen, spitzen Hütchen,
mit silbernen Trompetentütchen,
mit wirren Zweigen, krummen Stöckchen,
mit Sammethärchen, Blütenglöckchen.
Und wächst so klein und ungesehen –
ein Hümpel Moos.
Und riesengroß
die Bäume stehen …“

(Siegfried von Vegesack: Seine schönsten Gedichte,
3. Auflage, Grafenau: Morsak, 2011, S. 26)

Wunderschöne Worte, die nur derjenige nachvollziehen kann, der wirklich einmal Moos gesehen hat, stehengeblieben ist, sich gebückt oder hingekniet hat, um diese Welt zu entdecken. Ein Fotoapparat kann hilfreich dabei sein. Und so möchte ich Sie mitnehmen in eine andere, eine alte, archaische Welt, und Sie auf einem sonnigen, winterlichen Foto-Spaziergang das Mystische des Mooses erspüren lassen.

Dr. Karin Schätzlein




 
 
Kategorien: Gastbeitrag

Erstellt 25.12.2013 | Letztes Update 03.01.2014 | 1803 Aufrufe