Erdställe in der Welt der Sagen

Wenn überhaupt, so kann das Rätsel der Erdställe nur interdisziplinär gelöst werden. Wichtige Informationsquellen sind neben der Archäologie, der Siedlungs- und Religionsgeschichte, Aspekte der Mythologie sowie die Volkskunde mit Erkenntnissen aus der Orts- und Flurnamenforschung und ihren immateriellen Untersuchungsobjekten wie etwa den Sagen und Märchen. Im Zusammenhang mit der Ortsgeschichte und archäologischen Ergebnissen lassen sich interessante Schlüsse ziehen.
Im Kern der Sagen (und in wenigen Märchen) mit Bezügen zu Erdställen verstecken sich Informationen, die zur Lösung des Erdstallrätsels beitragen können. Die Ortsangaben in den Sagen sind häufig wichtige, örtliche Hinweise auf einen Erdstall. Aus dem Inhalt der teils mündlich, teils schriftlich überlieferten Sagen wurde im Lauf der Zeit jedoch vieles herausgenommen oder hinzugedichtet. Den eigentlichen Kern der Sage aufzuspüren, ist daher oft schwierig.

Typische Erdstallsagen
Die aufgeführten Sagentypen kommen recht häufig vor. Erlösungssagen (Seelengänge) und Schatzsagen stehen seltener im Zusammenhang mit den Erdställen.

Verbindungssagen
Die Verbindungssage beschreibt zwei Orte, die durch einen unterirdischen Gang miteinander verbunden sind Der Sagentyp kommt zu Erdställen genauso wie zu Fluchtgängen im Bereich von Burgen und Schlösser vor. eine Unterscheidung ist nicht gegeben Die Sage enthält außer der Information zu einem bestimmten Ort keine weiteren Hinweise. Ein Erdstall ist an beiden der genannten Orte möglich.

„Vom Schmidhof in Kleinrohrsdorf soll ein unterirdischer Gang zur ehemaligen Stammburg der Pienzenauer nach Wildenholzen geführt haben“ – In Kleinrohrsdorf (Gde Baiern. Lkr. Ebersberg) wurde in den 1920iger Jahren durch Zufall ein Erdstall entdeckt.

Zwergensagen
Besonders häufig sind Sagen über Zwerge, welche in den Gängen wohnen, den Menschen wohlgesonnen sind und dafür kleine Speisen erhalten (die sie annehmen oder ablehnen) Oft sind sie nackt, legt man ihnen Kleider hin, verschwinden sie Die Sagen enthalten ebenfalls eine Ortsangabe Der Zwerg hat seinen Ursprung in der nordischen Mythologie und präsentiert die geheimnisvollen Naturkräfte der Erde. Er wird auch als Schöpfer unglaublicher, unterirdischer Bauten gesehen Im Mittelalter ist der Zwerg mehr Totengeist. In den Zwergensagen herrscht eine starke Vermischung zwischen Mythologie und mittelalterlichem Aberglauben Der Sagentyp kommt in Bayern selten und Oberpfälzer Wald im Zusammenhang mit Erdställen sehr häufig vor.

„Beym Bäck zu Lengenfeld waren vor vier Stämmen Zwerge im Hause Wenn alles schlief, arbeiteten sie für den Menschen: fegten, spülten ab oder putzten die Schuhe. Eine Magd hatte ihnen einmal einen Ofenknödel auf die Ofenbank gelegt, mit der Absicht, ihnen etwas Gutes zu erweisen Das verdross sie und sie verschwanden.“ – In Lingenfeld bei Velburg (Lkr. Parsberg) zieht sich ein Erdstall vom Anwesen Seitz zum gegenüber liegenden Friedhof.

In Oberbayern häufen sich Segen zu drei Jungfrauen die aus den unterirdischen Gängen ihre wunderschönen Gesänge hören lassen. Im Alpenraum sind sie auch als „Salige Fäulein“ oder „Bethen“ bekannt. Ihr Ursprung ist auf die keltisch-römischen Matronen zurückzuführen, die im Zusammenhang mit einem Göttinnenkult gesehen werden. Im 13./14. Jhd. wurden ihnen die heilige Katharina, Barbara und Margaretha entgegengestellt, die in Bayern als die „drei heiligen Madln“ bezeichnet werden Die Zwerge stehen im Zusammenhang mit den Drei Frauen. In der Person der Percht vereinen sich die Aspekte der Dreiheit. Die Percht (oder Frau Holle) zieht in den Sagen mit ihren Heimchen (Zwergen) über das Land, um Fruchtbarkeit auszubringen. In Thüringen zieht sich die Frau Holle über den Winter in eine Höhle zurück. Dem Sagentyp wird ein hohes Alter zugeschrieben.

„Dort, wo in Reichersdorf heute die Allerheiligenkapelle steht, soll einmal ein Heidentempel gestanden haben, in den unterirdischen Gängen von Reichersdorf sollen einmal Jungfrauen gesungen haben.“ – In Reichersdorf (Gde. Irschenberg, Lkr. Miesbach) wurde im Jahr 1640 durch Zufall ein Erdstall entdeckt. In den Gängen wurde eine Barbarafigur aufgestellt.

Quellenangabe: Sämtliche Texte aus Ausstellung „Erdställe, Rätselhafte unterirdische Anlagen“, Ausstellung der Kultisurium Ausstellungen und Präsentationen Gbr., im Archäologischen Museum der Stadt Kehlheim




 
Erstellt 15.04.2012 | Letztes Update 04.11.2014 | 2256 Aufrufe