Zweckbestimmung von Erdställen

Das rationale Denken des 21. Jahrhunderts möchte das Phänomen Erdstall gerne in einem Satz oder besser mit einem einzigen Wort erklären. Aber es wird nicht gelingen, denn zu wenig ist greifbar und es gibt kein überliefertes Schrifttum. Nur noch schemenhaft finden sich Hinweise in den Sagen, die fundleeren Erdställe sind oft nur Fragmente und durch Sekundarnutzung oder Baumaßnahmen zerstört. Jede Theorie verstrickt sich am Ende im Widerspruch. Waren es Zweckbauten oder Kultstätten? Räumliche Enge, Schlupfe mit weniger als 40 cm Durchmesser und die irrationale Bauweise schließt eine praktische Nutzung als Wohnhöhle, Vorratskammer, Wasserstollen oder Bergwerke aus. Sauerstoffmangel, der labyrinthartige Aufbau und periodische Überflutung lassen sich ebenso schwer mit einer Interpretation der Erdställe als Zufluchtsstätten wie mit Versammlungsräumen religiös Verfolgter vereinbaren.

Kulthöhle
Weit verbreitet war einst ein Durchschlupfbrauch. Dahinter steht das Abstreifen von Krankheiten oder die Vereinigung mit der Mutter Erde zur Reinigung, Erneuerung und Heilung. Orte dieses Brauchtums waren natürliche Felsspalten, an Kirchenmauern gelehnte Steine oder Schlupfaltäre. – Die Erdställe als Räume zu sehen, in denen eine kultische Handlung vollzogen wurde ist problematisch, denn sie sind nach ihrer Fertigstellung nicht mehr betreten worden. Neu entdeckte Erdställe zeigen keinerlei Abnutzungsspuren. In lehmigen Böden sind die Wände geglättet, die Lichtnischen sind ohne Rußspuren und die Gänge wirken wie „ausgekehrt*. Zudem gibt es Erdställe mit viereckigen Schlupflöchern.

Totenkultstätte
Leergräber: Die Kammern der Erdställe haben oft große Ähnlichkeit mit antiken Grabanlagen wie z.B. den Katakomben. Mit ihren Sitzbänken und Nischen wirken die Schlusskammern wie kapellenartige Sakralräume. Da in den Erdställen niemals Menschenknochen gefunden wurden, könnte es sich um Leergräber (Kenotaphien) handeln. Die ersten Siedler nach der Völkerwanderung konnten ihre Bestattungen nicht mitnehmen. Um Ihre Ahnen weiterhin verehren ZU können wurden ihnen leere Gräber erbaut. – Die Datierung der Erdställe ist nicht ausreichend geklärt. Außerdem gibt es Gebiete in Bayern und Österreich, die stärker von Einwanderungen betroffen waren, aber keine Erdställe aufweisen. Teile Frankreichs mit einer großen Anzahl von Erdställen zeigen im frühen Mittelalter dagegen wenig Bevölkerungsbewegung.

Seelenkammer: Das antike Christentum kannte noch kein Fegefeuer, sondern glaubte an einen Wartezustand der Seelen zwischen Tod und jüngstem Gericht. Der Erdstall als Seelenkammer wäre der Aufenthaltsraum für Seelen Verstorbener, welche sich bei der Auferstehung wieder mit ihren Körpern vereinigen und in Himmel oder Hölle fahren. Ab 1200 n.Chr. setzt sich langsam die Lehre vom Fegefeuer durch, es ist die Zeit ab der die Erdställe verschüttet werden. – Dagegen spricht die Verbreitung der Erdställe. Es ist nicht zu erklären, warum sich ein Erdstallkult nur in bestimmten Gegenden durchsetzen sollte. Zudem kommt die Lehre vom Wartezustand der Seelen bereits im 2. und 3 Jh. n. Chr. vor, eine Zeit in der bislang keine Erdställe belegt sind.

Verstecke
Zufluchtsstätte: Viele Erdställe liegen an Einzelgehöften. Bei Gefahr hätten sich die Menschen unter die Erde flochten können. Die Verfolger hatten sich In den labyrinthischen Systemen nicht zurecht gefunden oder wären an den Engstellen der Schlupfe zurückgeschlagen worden. – Zwar Ist ein Aufenthalt über wenige Tage in einigen Erdställen möglich, dagegen spricht aber, dass schwangere Frauen, beleibte oder ältere Personen die Barrieren der Schlupflöcher niemals hätten überwinden können. Zudem haben die Erdställe nur einen Eingang. Ein Brandereignis an der Hofstelle hätte den Erdstall in kürzester Zeit in eine tödliche Falle verwandelt.

Verstecke für Gegenstände: Naheliegend wäre es, in Notzeiten wertvolle Gegenstände in einem Erdstall zu deponieren; – Bisher blieben die Erdstätte aber fundleer und der größte Schatz des mittelalterlichen Bauern war sein Vieh, das Im Erdstall sicherlich keinen Platz gefunden hätte. Wenn wertvolle Gegenstände versteckt werden sollten, wurden sie in allen Zeiten vergraben. Nicht wenige Erdställe sind jahreszeitlich bedingt zeitweise überflutet.

Quellenangabe: Sämtliche Texte aus Ausstellung „Erdställe, Rätselhafte unterirdische Anlagen“, Ausstellung der Kultisurium Ausstellungen und Präsentationen Gbr., im Archäologischen Museum der Stadt Kehlheim




 
Erstellt 15.04.2012 | Letztes Update 04.11.2014 | 2061 Aufrufe