Die Aufgaben der Druiden

[Entnommen aus “Die Wanderungen der Kelten”, (L. Contzen, 1861)]
Eine ihrer Hauptbeschäftigungen war das Studium der Gestirne, über deren Grösse, Bewegungen und Verhältniss zur Erde sie vielfache Untersuchungen anstellten; ihr System kennen wir nicht näher, nur Weniges ist davon überliefert; so liessen sie, nicht nach Tagen sondern Nächten zählend, die Monate und Jahre mit der sechsten Nacht im Vollmond beginnen und bestimmten einen Zeitraum von 30 Jahren zu einem grossen Cyclus. Ob sie aber in der Betrachtung der Himmelskörper durch Vergrösserungsgläser unterstützt gewesen, wie man behauptet hat, lässt sich wohl schwerlich nachweisen. Auch sie werden den Himmel mit seinen Sternen weniger aus rein wissenschaftlichem Grunde betrachtet haben, als weil sie wie das ganze Alterthum glaubten, dass die Ereignisse der Erde und die Schicksale der Menschen von den Gestirnen abhingen und dass diese überhaupt bei der Geburt, dem Tode und den Handlungen der Menschen entscheidend einwirkten.

In ihrer Heilkunde spielt der Aberglaube eine vorwiegende Rolle. Ausser dem Fleische von Menschenopfern waren es besonders zwei Dinge, denen die Druiden grosse Wirksamkeit zuschrieben: das war das SchIangenei und die heilige Mistel. In den Hochsommernächten, lautet die alte Ueberlieferung bei Plinius, wälzt sich eine ungeheure Menge von Schlangen zusammen und bildet aus ihrem Geifer das Schlangenei, das dann mit pfeifendem Gezisch hoch in die Lüfte geschleudert wird. Wer es davontragen wollte, musste in stiller Mondscheinnacht zur Stelle sein und es geschickt mit einem Tuchmantel auffangen, bevor es wieder den Boden berührte. Aber die Schlangen, denen ihr Theuerstes entrissen, bieten Alles auf, das genommene Kleinod wiederzugewinnen; hitzig jagen sie dem kecken Räuber nach, den nur ein schnelles Ross retten kann, und nicht eher stellen sie ihre Verfolgung ein, als bis es ihm gelungen ist, über ein fliessendes Wasser zu entwischen. Ein ächtes Schlangenei musste gegen den Strom schwimmen, auch in goldner Hülle, und wurde als schützender Talisman am Herzen getragen.

Grössere Kraft legte man der Mistel bei. Wenn schon die Eiche mit allem, was sie trug, geheiligt war, so genoss besonders die Mistel, die sich um seinen Stamm wand und ohne Samen erzeugt zu sein schien, vorzügliche Verehrung; man fand sie selten, war man aber so glücklich gewesen, so veranstaltete man grosse Feierlichkeiten, sie einzuholen.

Am sechsten Tage nach dem Neumonde wallte man in feierlichem Zuge hin zum heiligen Baume, opferte und schmauste fröhlich unter seinen Aesten. Darauf bestieg ihn ein Druide, während ein weisses tadelloses Rinderpaar herangeführt wurde, in weisschimmerndem Gewande, schnitt mit goldner Sichel die heilige Pflanze ab und liess sie unten in einem weissen Tuche auffangen; alsdann schlachtete er die Rinder unter Weihgebeten an die Gottheit, auf dass diese ihre Gabe gedeihlich mache.

Der ganze Orden bestand aus drei Abtheilungen, die uns von Strabon und Ammianus als Barden, Seher und eigentliche Druiden bezeichnet werden, ohne dass man gerade in diesen Classen verschiedene Grade des Ordens annehmen dürfte. Die Barden waren Sänger, welche die Grossthaten berühmter Männer der Vorzeit wie der Gegenwart in kunstgemässem Heldengedichte unter Begleitung mit dem landesüblichen Instrumente begeistert vortrugen und so die nationalen Erinnerungen und Gefühle rege erhielten. Ihre älteste Poesie war zwar eine hieratische, zum Dienste der Götter geübte Kunst, wie fast bei allen Völkern die Poesie mit dem Lobe der Götter anhebt, weil ihr ursprüngliches Leben sich erfüllt zeigt von religiösen Ideen, welche sie sich als heiliges Erbe aus dem Schiffbruche der Menschheit gerettet haben; bald aber umfasste ihr Gesang kirchliches wie weltliches Leben und sank in Gallien früh zum Handwerksmässigen herab; sie traten hier in die Dienste eines der Grossen im Lande und liessen ihre Lieder zu seinem Ruhme für Lohn ertönen. So begleitete ein Barde den Gesandten des allobrogischen Königs Bituitus zum römischen Feldherrn Cn. Domitius.

Andere aber weihten ihr ganzes Leben einem Fürsten, waren stets in seiner nächsten Umgebung und folgten ihm sogar in die Schlacht, um als Augenzeugen seiner Heldenthaten seinen Ruhm in der Heimath zu verkünden. In diesem edleren Sinne heissen sie auch Parasiten und Symbioten. Wie tief sie schon zur Zeit des Poseidonios gesunken waren, zeigt folgender Vorfall. Einst gab Luernius, Vater des Bituitus, seinem Stamme ein glänzendes Mahl, ein Barde verspätete sich und erschien erst, als der Fürst seinen Wagen bestieg zur Heimfahrt. Jener aber folgte ihm unverdrossen ein gut Stück Weges unter schmeichelnden Lobliedern. bis ihm ein Beutel mit Geld zugeworfen wurde s. Die brittischen Inseln aber hielten sich rein von diesen Richtungen. Hier standen die Barden in so hohem Ansehen, dass die Ausgezeichnetsten unter ihnen ihrem Fürsten, wie Taliesin seinem Könige Urien von Reged, wie Freunde und Hausgenossen in allen Angelegenheiten des Krieges wie des Friedens zur Seite waren. Abkömmlinge aus königlichen Geschlechtern wie Aneurin glänzten als Krieger und Sänger, und Könige, wie Llywarch Hen, fanden als sie ihren Thron verloren, am Hofe anderer Fürsten als Barden eine ehrenvolle Aufnahme. In Britannien blieb die Dichtkunst und die Musik, als die bevorzugte Beschäftigung des freien Mannes, und in tiefsinniger Weise geübt lange Jahrhunderte hindurch Gegenstand der öffentlichen Fürsorge und Gesetzgebung und gelangte als Bildungsmittel des Volkes und der Sitten zu weitgreifendem Einfluss.

In den Händen der Seher lag die Mantik. Ihr liegt der Glaube zu Grunde, dass die Götter den Menschen unablässig nahe sind und bei ihrer Weltregierung, die alles Grosse und Kleine umfasst, es nicht verschmähen, ihren Willen zu offenbaren. Aber um diese Winke zu verstehen, bedarf es einer besonderen Fähigkeit, daher ist nur dem Druiden Auge und Ohr für die göttlichen Offenbarungen geöffnet. da nur er unmittelbar mit der Gottheit verkehrt. Die Mantik spielte bei den abergläubischen Kelten eine sehr wesentliche Rolle, und keine Handlung von Belang wurde begonnen, ohne dass man sich durch den Seher ihres glücklichen Erfolges versichert hätte. Vorzeichen fand man in jedem ungewöhnlichen Ereigniss, das den friedlichen Zusammenhang zwischen Erde und Himmel zu unterbrechen schien, besonders im Fluge der Vögel, Gewitter und Sturm. Da es aber das Opfer war, welches den Menschen mit den Göttern in unmittelbare Gemeinschaft versetzen sollte, so lag es nahe, hier vor allen göttlicher Offenbarung gewärtig zu sein; daher betrachtete man nicht nur sorgfältig die Eingeweide der Thiere, sondern folgte auch gespannt den Zuckungen eines sterbenden Menschen, dem ein Schwert in den Rücken gestossen wurde. Andere Arten den Willen der Götter zu erforschen waren aufmerksame Untersuchung der Constellation der Gestirne, Auslegung der Träume, nächtlicher Besuch der Heldengräber usw.

Am Ausgedehntesten war die Wirksamkeit des eigentlichen Druiden. Sie veredelten, sagt Plinius, durch Untersuchungen über die geheimsten und höchsten Wahrheiten die Seele, verachteten das Irdische und verkündeten die Unsterblichkeit der Seele. Sie waren die Träger des Glaubens und die Lehrer der Jugend, die sich zu ihnen wandte. Neben der Unsterblichkeit der Seele lehrten sie die Ewigkeit der Materie, obgleich deren jetzige Form dereinst durch Feuer und Wasser untergehen würde. Wie sie sich die Fortdauer der Seele dachten, ist nicht gewiss; nach Caesar wandert sie aus dem todten Körper in einen neugeborenen, nach Diodor erfolgte die Wiedergeburt erst nach einer gewissen Zeit, nach Lucan aber vermittelte der leibliche Tod ohne habituelle Veränderung der Seele ein glückliches ewiges Leben t; an die Pythagoreische Metempsychose darf also nicht gedacht werden. Dass man die Fortdauer nach dem Tode nicht bloss geistig dachte, lässt sich aus mehreren Angaben entnehmen; denn alles, was dem Todten im Leben lieb gewesen war, wurde an seinem Grabe geopfert oder bestieg mit seiner Leiche, sei es freiwillig, sei es gezwungen, den flammenden Holzstoss, in dessen Gluth man Briefe schleuderte, um sie durch den Hingeschiedenen vorangegangenen Freunden zu übersenden, ja man schloss sogar Geldgeschäfte mit einander ab und setzte fest, erst im Jenseits das Geliehene zurückzuerstatten. Ebenso war ihnen der Glaube an eine über alle waltende Vorsehung, die Ueberzeugung, dass ein höheres Wesen das Geschick des Einzelnen, wie ganzer Völker leite, nicht fremd. Dieses sind die Hauptlehren, die ins Volk drangen; das Uebrige blieb Geheimniss, oder erlitt unächte Beimischungen und entstellende Zusätze, in denen die reine Lehre nicht mehr zu erkennen war, schwerlich werden sie dem Polytheismus gehuldigt haben, der sich den übrigen Stämmen mitgetheilt hatte. Ihre Moral umfasste hauptsächlich drei Sätze, die Götter zu ehren, das Böse zu meiden und Tapferkeit zu üben.

Die Aufforderung zur Tapferkeit fand eben einen kräftigen Anhalt in jener Unsterblichkeitslehre: „O glücklicher Irrwahn“, (ruft Lucan aus) „der sie frei macht von dem grössten der Schrecken, frei von des Todes entkräftender Furcht, darum in den Kampf hin strebt ihr muthiger Sinn und die Brust nimmt freudig den Tod auf. Schmachvoll ist es zu schonen ein wiedererblühendes Leben“.

[Entnommen aus “Die Wanderungen der Kelten”, (L. Contzen, 1861)]




 
Erstellt 23.07.2013 | Letztes Update 23.07.2013 | 2639 Aufrufe