Die Druidinnen

[Entnommen aus “Die Wanderungen der Kelten”, (L. Contzen, 1861)]
Auch Druidinnen hatten die Kelten; sie waren theils vermählt, theils auf eine bestimmte Zeit von der ehelichen Gemeinschaft ausgeschlossen, theils für ihr ganzes Leben jungfräulich. Letztere, neun an der Zahl, bewohnten die Insel Sena, dem westlichsten Vorgebirge Armorikas gegenüber und waren im ganzen Keltenlande hochberühmt. Auch in ihnen lag das sanctum et providum, das Heilige und Ahnungsreiche, was Tacitus besonders den deutschen Frauen zuschreibt, und der vorüberziehende Seefahrer versäumte nicht, Weissagungen einzuholen.

In stillen Nächten liessen die Jungfrauen ihre feierlichen Gesänge ertönen und der Schiffer dachte nur mit Scheu und Ehrfurcht an ihre geheimnisvolle Macht. Andere Druidinnen wohnten auf einer kleinen Insel im Ocean an der Mündung der Loire. Zwar verheirathet durfte dennoch kein Mann ihrer Behausung nahen und sie selbst nur zu bestimmter Zeit ihrem Gatten einen Besuch abstatten; in der Abenddämmerung verliessen sie alsdann ihr Eiland auf leichter Barke und brachten die Nacht in eigens dazu gebauten Hütten zu; sobald aber die Sonne ihre ersten Strahlen entsandte, entrissen sie sich dem Arme des Gatten und eilten in ihre Einsamkeit zurück. Ein Hauptfest begingen sie im Jahre: In einem einzigen Tage vom Aufgang der Sonne bis zum Niedergange mussten sie das Dach ihres Tempels abtragen und durch ein neues ersetzen. Am festgesetzten Tage, sobald der erste Sonnenstrahl erglänzte, begaben sie sich zum Tempel mit Epheu und grünen Laubgewinden geschmückt und begannen eifrig das vorgeschriebene Werk, wobei keines der geweihten Materialien zu Boden fallen durfte. Wehe der Unglücklichen, der dieses begegnete!

Wie vom Wahnsinn ergriffen warfen sich alle auf ihre Gefährtin, rissen sie in Stücke und schleuderten ihr Gebein weit umher. Von ihrer sonstigen Wirksamkeit wissen wir nur wenig, Weissagungen und Orakel zu ertheilen scheint ihre besondere Beschäftigung gewesen zu sein, so erzählt Flavius Vopiskus; dass der Kaiser Aurelian gallische Druidinnen um den Fortbestand seiner Herrschaft befragte, und dass Diocletian die Weissagung von seiner hohen Würde von einer Druidin im Tungernlande erhielt und Aelius Lampridius berichtet, wie eine Druidin dem Kaiser Alexander Severus auf seinem verhängnissvollen Heereszuge die bedeutsamen Worte nachrief: „Ziehe hin, aber hoffe nicht auf Sieg noch vertraue deinen Soldaten“.

Endlich suchten auch die Druidinnen den Muth und die Kampfeslust der Krieger anzufachen und sie zu begeistern. Als der römische Feldherr Paulinus Suetonius die brittische Insel Mona angriff, standen die Druiden am Ufer und schleuderten ihre Verwünschungen gegen die anziehenden Feinde, während Druidinnen mit aufgelöstem Haare brennende Fackeln schwangen. Jedoch haben niemals Druidinnen unter den Kelten eine solche Bedeutung erlangt, wie unter den alten Deutschen eine Veleda, eine Aurinia, eben weil die Deutschen eirie zarte Scheu vor der innigen Tiefe und unberührbaren Reinheit des weiblichen Gemüthes besassen, welche den heissblütigen Kelten vollständig abging.




 
Erstellt 23.07.2013 | Letztes Update 23.07.2013 | 1238 Aufrufe