Niedergang des Druidentums

[Entnommen aus “Die Wanderungen der Kelten”, (L. Contzen, 1861)]
Britannien war die Heimath des Ordens. Hier bestand das Institut in seiner einfachen Form fort, von hier war es nach Gallien verpflanzt. Noch zu Caesars Zeit zog daher die gallische Jugend zu den Inseln, um tiefer in die Erkenntniss des ursprünglichen Sinnes der Lehre einzudringen.

In Irland hat sich druidische Lehre am Längsten gehalten. Nach den Annales Dungallenses dauerte der Kampf des Christenthums mit ihm bis in das sechste Jahrhundert und der Apostel Irlands, der heilige Patrik fand, wie sein Biograph berichtet, an den Druiden den zähesten und verbissensten Widerstand. Gallien und Britannien sind es jedoch nur, in denen sie geblühet haben, von den übrigen keltischen Stämmen wissen wir nicht, ob auch sie Druiden hatten.

Als Caesar nach Gallien kam, war ihr Ansehen bereits tief gesunken, und gewiss verdankte er seine Erfolge vielfach dem Zwiespalt, der sie und den Adel auseinanderhielt. Mit dem Erscheinen der Römer endete ihre politische Gewalt, nur ihr kirchliches und wissenschaftliches Walten blieb ungeschmälert, bis Augustus allen druidischen Gottesdienst den römischen Bürgern untersagte. Claudius ging noch weiter, er hob durch ein förmliches kaiserliches Dekret ihren Religionscultus auf und verbot ihn sogar in Gallien. Doch erlosch ihr düsterer Glaube nicht sofort, sondern unbeugsam zogen sie sich in die Wildniss des Gebirges zurück zu den sturmgepeitschten Ufern der Bretagne und lehrten und wirkten hier im Stillen und wussten sich sogar in Rom noch Eingang zu verschaffen. Menschen bluteten unter ihrem Messer noch im dritten Jahrhundert.

Aber im Ganzen und Grossen war ihre Macht dahin; bald verschmolzen auch die Gallier ihre religiösen Vorstellungen mit den Bildern und Gestalten des römischen Polytheismus, obwohl der Einfluss druidischer Ideen noch lange hindurch nachhaltig blieb und auf das Gemüth des Galliers einwirkte, bis das Christenthum mit seiner milden versöhnenden Lehre neben dem Heidenthume die letzten Erinnerungen und Gebräuche aus der alten Naturreligion besiegte.

Je fester und geschlossener. die Fugung der religiösen Gemeinschaft war, um so schlaffer und lockerer waren die Bande der bürgerlichen und staatlichen Ordnung. Denn auch in der politischen Entwicklung der keltischen Nation spiegelt sich klar ihr unstäter und unruhiger Charakter ab und man kann behaupten, dass fast alle staatlichen Formen von ihr versucht sind, ohne dass eine kräftig aufrecht erhalten wäre und ihren Hang zur Parteiung besiegt hätte. Die erbliche Königswürde, an welche Namen wie Ambiatus erinnern, scheint früh in Jen Kämpfen mit dem herrschsüchtigen Adel zertrümmert worden zu sein und an die Stelle des Königthums trat die Clanverfassung, durch welche das grosse Ganze auseinanderging und in viele kleine von einander unabhängige Staaten sich auflöste.

In diesen einzelnen Gauen führten die Häupter der Aristokratie die Regierung, mehr oder weniger geleitet von den Druiden und dem Rathe der Aeltesten. Die grossen Ritterfamilien vereinigten in ihrer Hand die ganze Fülle der Macht und kehrten diese verderbend und zerstörend gegen die Gemeinfreien, die von vornherein schon jeder politischen Geltung beraubt waren, so dass diese, um persönlichen Schutz zu finden, sich ihrer Freiheit entäusserten und rechtlich zu den Rittern in das Verhältniss von Hörigen traten. Umgeben von einer Anzahl gelöhnter Reisigen, den sogenannten Ambakten, mit den Häuptern anderer Clans durch Verträge oder Blutsverwandtschaft eng verbunden trotzten die Mächtigen dem Gesetze und dem Landfrieden und übten ruhig und ungehindert das Faustrecht aus. Erst die von Aussen drohende Gefahr warf dieses Unwesen nieder und schien das Gefühl der nationalen Einheit und Zusammengehörigkeit wecken zu wollen, wiederum jedoch in einer eigenthümlichen, der eifersüchtigen Persönlichkeit der Nation angemessenen Art.

Es traten nämlich mehrere Clans zu Gruppen zusammen, die Caesar Sonderbünde, factiones, nennt. Gewöhnlich standen zwei Sonderbünde nebeneinander, aus deren beider Mitte immer ein Stamm die Bundesleitung in Händen hatte. Die Verfassung war also eine Art Hegemoniesystem, auf kriegerischer Uebermacht beruhend. An der Spitze jedes Clans stand demgemäss der Häuptling – princeps -, der sich wiederum dem Oberhäuptling – princeps civitatis – unterordnete, wie dieser den Bundeshäuptern, den Príncipes factionum. War nur eine Faktion im Lande, so war der Oberhäuptling desjenigen Landes, welches die Hegemonie besass, Bundeshaupt von ganz Gallien, wie Caesar dieses von dem Arverner Celtillus erwähnt. Der führende Clan musste dann die seinem Verbande angehörenden nach aussen hin vertreten und in Staatsverträgen für ihn mit stipulieren, der untergebene ihm aber Heeresfolge leisten. Zu erwähnen ist noch das concilium totius Galliae, welches aus den Oberhäuptlingen bestehend eine grosse Macht besass und sogar gegen den Antrag des Oberfeldherrn bindende Beschlüsse fassen konnte. Der Senat bestand aus dem vornehmsten Adel, seine Thätigkeit aber kennen wir nicht genau.

[Entnommen aus “Die Wanderungen der Kelten”, (L. Contzen, 1861)]




 
Erstellt 23.07.2013 | Letztes Update 23.07.2013 | 1208 Aufrufe