Lebensweise der keltischen Stammesgruppen

Krieg mit Rom
Wir haben bis jetzt nur von der inneren Entwicklung der keltischen Gesellschaften gesprochen, doch änderten sich im beschriebenen Zeitraum auch die äußeren Verhältnisse grundlegend. Um 200 v. Chr. hatten die Römer die oberitalienischen Kelten und die gesamte Iberische Halbinsel unterworfen und waren damit bis an das innere Keltengebiet herangerückt. Seit der um 130 v. Chr. einsetzenden Krise der römischen Republik wurde Gallien immer mehr zum Objekt römischer Begierden. Bei der schrittweisen Eroberung der keltischen Welt nutzte Rom den Umstand dass die keltischen Völker untereinander zerstritten und kriegerische Auseinandersetzungen und Raubzüge allgegenwärtig waren. Schon früh erhoben die Römer einzelne keltische Stammesgemeinden in den Rang von Freunden und spielten sie gegen die weniger unterwürfigen Völker aus.

Noch vor dem Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. setzte sich Rom in Südfrankreich und im Rhonetal fest. Als Caesar 58 v. Chr. mit der Eroberung des nördlichen Gallien begann, setzte er die Politik des „Teile und herrsche“ fort, und so glich der gallische Krieg über weite Strecken einem Bürgerkrieg. Einige Stämme kämpften konsequent auf Seiten der Römer, und fast in jedem Volk gab es Adelsfraktionen und mächtige Familien, die den Krieg für ihre Interessen zu nutzen suchten. Am Ende war Gallien nicht nur unterworfen, sondern bis in die Grundfesten der Gesellschaft zerstritten und entzweit. Unter römischer Herrschaft Mit der Unterwerfung begann ein intensiver Veränderungsprozess, der sich über mehrere Jahrhunderte erstreckte und meist als „Romanisierung“ bezeichnet wird. Aber natürlich war nicht das gesamte Leben in Gallien von Rom aus ferngesteuert; die inneren Triebkräfte der keltischen Gesellschaft wirkten weiter. Einige der oben beschriebenen Entwicklungen gelangten sogar erst unter römischer Herrschaft zum Abschluss. Tatsächlich entstand aus diesen Eigenentwicklungen und dem zweifellos bedeutenden römischen Einfluss eine Mischkultur, welche die Franzosen treffend als gallo-römisch bezeichnen. Nach dem gallischen Krieg versuchte Rom. möglichst viele Adelssippen für sich zu gewinnen. Wer willig mit den neuen Herren zusammenarbeitete, erhielt das römische Bürgerrecht. Die keltischen Stammesgemeinden blieben zwar bestehen, die Bereitschaft der Elite, römische Bürger zu werden, höhlte sie aber aus, und sie wurden immer mehr zu einer Verwaltung der einheimischen Unterschichten. Die Aristokratie, die sich mit den neuen Machthabern bestens verstand, setzte ihren Aufstieg fort. Der landwirtschaftlich genutzte Boden. der früher in gewissem Sinn Kollektiveigentum gewesen war, wurde zum Privateigentum der Oberschicht. Die einfachen Stammesmitglieder verloren die letzten ihnen verbliebenen Rechte. Erneut wurden größere Teile der Bevölkerung vom Land vertrieben; sie fanden Zuflucht in den von der römischen Verwaltung stark geförderten Städten und Großsiedlungen. Dass die Landwirtschaft deutlich produktiver wurde, war wohl neben dem technischen Fortschritt auch der Tatsache zu verdanken, dass die Landbewohner mehr arbeiten mussten. In der Oberschicht etablierte sich rasch eine Schriftkultur. Obwohl Keltisch im Alltagsbereich sicherlich noch einige Zeit lebendig blieb. stützte sie sich ausschließlich auf die lateinische Sprache. Am Ende der römischen Zeit ist die keltische Sprache verschwunden, fast ohne Spuren im lokalen Latein hinterlassen zu haben. Damit gingen auch keltische Mythen und Erzählungen verloren, die nur mündlich überliefert wurden. Die Romanisierung der Kelten betraf vor allem die Alltagskultur: im religiösen Bereich blieb die keltische Tradition noch lange lebendig. Die alten Gottheiten wurden unter römischen Bezeichnungen weiter verehrt. selbst wenn man sich im äußeren Ablauf des Opferkults nun römischer Formen bediente.
Endgültig besiegelte erst die Christianisierung in spätrömischer Zeit den Untergang der keltischen Religion. Ebenso konnten sich die keltischen Stammesgemeinden lange halten. auch wenn ihre politische und rechtliche Relevanz immer geringer wurde. Welch große Bedeutung sie im Bewusstsein selbst der vollständig romanisierten Kelten besaßen, zeigte sich am Ende der römischen Zeit. als viele Städte ihren römischen Namen aufgaben und auf die Namen der keltischen Stämme zurückgriffen. So hat etwa der unbedeutende Stamm der Parisii der römischen Stadt Lutetia zu dem Namen verholfen, den die Metropole Paris noch heute trägt
Der Untergang der Kelten zeigt viele Aspekte kultureller Dominanz und Fremdbestimmung, die uns aus dem Zeitalter der Globalisierung bekannt sind. Dies mag zum Teil die Wehmut erklären, mit der heute viele auf die untergegangene Kultur zurückblicken. Dass wir durch den Wechsel zur lateinischen Sprache und die Christianisierung von einem Teil unserer kulturellen Wurzeln abgeschnitten wurden, umgibt die Kellen mit einer Aura der Fremdheit, welche die Faszination dieser Zivilisation zusätzlich verstärk.

Text veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Dr. Peter Jud -herzlichen Dank!
Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift „Damals“ in der Ausgabe 07/2009




 
Erstellt 14.03.2011 | Letztes Update 11.02.2013 | 8527 Aufrufe