Forschungsgeschichte Oppidum Manching

Zu Beginn des Jahres 1955 kam die Nachricht, die amerikanische Luftwaffe werde den zerstörten Flugplatz eilig wieder ausbauen und dort Jagdflieger stationieren. Von der Bundesrepublik als Grundeigentümer war kurz vor dem Eintritt in die NATO natürlich kein Einspruch zu erwarten. Vielmehr sollte mit den Bauarbeiten, die auch etwas über den alten Platz hinausgriffen, alsbald begonnen werden. Für Notgrabungen großen Ausmaßes war unser Amt nicht gerüstet. Es fehlten Geld, technische Hilfsmittel und Personal. Man kann es sich heute kaum vorstellen, dass in wenigen Wochen trotzdem alles Notwendige bereitgestellt werden konnte. Koordinator der ganz unbürokratischen Aktion war der spätere Rundfunkintendant Christian Wallenreiter, damals Ministerialrat im Bayer.

Staatsministerium für Unterricht und Kultus. Ein neu erwachtes Interesse an archäologischer Forschung, angeregt durch die Bücher C. W. Cerams, kam uns dabei zu Hilfe. Ministerpräsident Professor Dr. Wilhelm Hoegner setzte einen Zuschuss der Staatsregierung durch, der kurzfristig bewilligt wurde, und griff persönlich ein, wenn die Verwaltung Schwierigkeiten sah. Bei der amerikanischen Luftwaffe war es der wissenschaftlich interessierte Oberst A. Kroeber, der selbst die gewünschten Luftbilder flog und uns zur Verfügung stellte. Er arrangierte auch eine Unterredung mit seinem Befehlshaber, bei welcher der selbstbewusste General, ohne viel zu fragen, zusagte, eine Notgrabung in Manching mit hunderttausend Mark aus Baumitteln zu ermöglichen. Die Unterredung hatte kaum drei Minuten gedauert. Zumindest in Bayern war noch nie ein so hoher Betrag für Ausgrabungen bewilligt worden. Das gab uns die Chance, großzügig zu planen. Wir holten uns Rat bei erfahrenen Ausgräbern wie Gerhard Bersu, Werner Haarnagel und Herbert Jankuhn und fassten dann den Entschluss, in zwei Arbeitsabschnitten vorzugehen. Zunächst wollten wir weiträumig im Oppidum, vor allem im gefährdeten Gebiet, sondieren, dann in der Mitte der Keltenstadt, wo am Westende des Flugplatzes am ehesten ungestörtes Arbeiten möglich war, zusammenhängende Flächen abdecken. Wir wollten dabei klären, ob das Oppidum überhaupt dauernd besiedelt war und ob man zu Recht von einer ,,Keltenstadt“ sprechen kann, was immer wieder in Zweifel gezogen worden war. Des weiteren fragten wir nach dem Umfang der Innenbesiedlung und erhofften uns aus den Funden Antwort auf die Fragen nach Anfang und Ende der Siedlung.

Zum Zweck der Sondierungen zogen wir mit einem Löffelbagger schnurgerade Suchschnitte (in einer Gesamtlänge von 7,8 km) durch das gefährdete Terrain. In den sorgfältig präparierten Schnittkanten wurden die keltischen Siedlungsspuren sichtbar, die eine ausgedehnte Dauerbesiedlung des Platzes bezeugten. Dann begannen wir, während neben der Grabung die neue Startbahn des Militärflughafens gebaut wurde, in der Mitte des Oppidums, wo die Fundschicht am mächtigsten war, größere Siedlungsflächen abzudecken. War hier auch die Vielfalt der ausgegrabenen Grundrisse von Holzbauten zunächst etwas verwirrend, so war umso eindrucksvoller die nie geahnte Fülle bedeutender Funde. Die Prähistorische Staatssammlung in München, der diese Funde (und die später ausgegrabenen) zufielen, wurde mit einem Mal das richtigste Museum für die Zeugnisse spätkeltischer Kultur in Deutschland. Es war klar, dass die Grabungen weiter gehen mußten. Der Flugplatz fiel bald darauf an die neue Bundesluftwaffe, die ihn gleich in Gebrauch nehmen und erweitern wollte. Als der Berichterstatter Ende 1956 nach Frankfurt a.M. an die Römisch-Germanische Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts, eine Forschungseinrichtung des Bundes, berufen wurde, übernahm er auch die weitere archäologische Betreuung des Oppidums von Manching.

Da aber zunächst keine Haushaltsmittel für die Fortsetzung der Notgrabung vorhanden waren, die 1957 notwendig wurde, wandten wir uns um Hilfe an den damaligen Verteidigungsminister Franz Josef Strauß, die ebenso problemlos gewährt wurde wie vorher die der Amerikaner. Als viel später der Bundesrechnungshof die Finanzierung von archäologischen Forschungen aus Verteidigungsmitteln beanstanden musste, war die Ernte schon in die Scheuer gebracht. Ministerialdirektor Dr. H. Kaumann ebnete im Ministerium und bei der Truppe alle Wege. Er ist nach seiner Pensionierung später ein aktiver Mitarbeiter bei den Grabungen in Manching geworden. Die Grabung wurde auf dem Platz bei vollem Flugbetrieb durchgeführt; von Sicherheitsbestimmungen war noch kaum die Rede.

Die Prähistorische Staatssammlung hat 1960 in München eine von Otto Kunkel gestaltete Ausstellung ,,Ausgrabungen in der Keltenstadt bei Manching a.d. Donau“ eröffnet, die über Bayern hinaus Beachtung gefunden hat.

Es war aber klar geworden, dass die künftige Forschung in Manching nicht mehr in gleicher Weise improvisiert werden konnte. Die Römisch-Germanische Kommission legte daher einen längerfristigen Forschungsplan vor und konnte erreichen, dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft – Dr. Wolfgang Treue war hier die treibende Kraft – unser Vorhaben in ein Schwerpunktprogramm ihrer Wissenschaftsförderung aufnahm. Sie hat dann die Forschungen in Manching dreißig Jahre lang mit beträchtlichen Mitteln gefördert. Natürlich wurde nicht in jedem Jahr gegraben. Es gab auch Perioden der Fundauswertung und der Publikation. Bis 1961 hat der Berichterstatter die Arbeit geleitet. In den Jahren 1962 bis 1963 hat dann Rolf Gensen das Osttor des Ringwalles, das sehr gefährdet war, sorgfältig ausgegraben und die Geschichte dieses wohl wichtigsten Bauwerkes der Keltenstadt geklärt. In den Jahren 1965 bis 1967 konnte Franz Schubert in der Trasse einer geplanten neuen Straße mit verfeinerten Grabungsmethoden wichtige Probleme der Siedlungsstruktur klären. Von 1971 bis 1973 hat er dann Lücken im Siedlungsplan durch großflächige Ausgrabungen geschlossen und durch elektromagnetische Sondierungen und Luftbildprospektion neue Erkenntnisse gewonnen. Er begründete eine Außenstelle der Römisch-Germanischen Kommission in Ingolstadt, der die Stadt in großzügiger Weise geeignete Räume für die Auswertung der Grabungspläne und der großen Fundmassen, die mit dem Fortschreiten der Arbeit angefallen waren, zur Verfügung stellte.

Als 1984 im Nordteil des Oppidums am Wall und in der Peripherie der Keltensiedlung wieder Notgrabungen im Zuge eines Straßenbaues notwendig geworden sind, hat dann der damalige Direktor der Römisch-Germanischen Kommission, Ferdinand Maier, die Leitung der Untersuchungen übernommen. Sie wurden im wesentlichen vom Landesamt für Denkmalpflege in München finanziert. Die Grabung konnte 1987 beendet werden, und der Abschluss wurde gekrönt durch den Fund des goldenen ,,Kultbäumchens“, das zu den Prachtstücken dieser Ausstellung gehört.

Zieht man eine ganz knappe Bilanz von einem Menschenalter Forschungen in Manching, dann darf an erster Stelle die Feststellung stehen, dass die bis heute aufgedeckte Gesamtfläche rund 83 000 m2, d.h. 8,3 ha, beträgt. Das ist vielleicht nicht viel im Blick auf die 380 ha des gesamten Oppidumareals, aber es sind immerhin 10% des vermuteten Kerngebietes der Siedlung, und mehr ist in keinem keltischen Oppidum erforscht worden. Die Ergebnisse der Ausgrabungen sind bisher in 15 stattlichen Bänden von der Römisch-Germanischen Kommission der Fachwelt präsentiert worden.

In Zusammenhang mit der Ausgrabung im Oppidum standen auch die großen Ausgrabungen im nahen Römerkastell Oberstimm, die Hans Schönberger als Direktor der Römisch-Germanischen Kommission in den Jahren 1968 bis 1971 unternommen und mustergültig publiziert hat.

Quelle: Kelten Römer Museum

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Erstellt 28.02.2012 | Letztes Update 11.02.2013 | 3620 Aufrufe