Siedlungsstruktur Oppidum Manching

Bereits in den ersten Grabungskampagnen von 1955-1961 konnte Werner Krämer eine planmäßige, auf die Haupthimmelsrichtungen bezogene Bebauung feststellen. Lange Zeit blieb die Gesamtstruktur der Siedlung jedoch unklar.

Erst nach den Grabungen von Franz Schubert 1967-1971 wurde deutlich, dass ein Grundsystem der Anlage große, hofartig umschlossene Areale sind. Die Bebauung ist unterschiedlich dicht und nimmt in den Randbereichen an Intensität ab. Luftbildbefunde und auch die jüngsten Grabungen von Ferdinand Maier 1984-1987 konnten dieses Prinzip bestätigen. Die Deutung der Viereckanlagen und deren räumlicher Bezug zueinander wird durchaus kontrovers diskutiert, ist aber für die Einschätzung der Gesamtsiedlung wesentlich.

Eine der möglichen Interpretationen ist, dass diese Viereckanlagen unabhängige Hofbezirke waren. Die Struktur legt einen Vergleich mit einzeln stehenden, eingezäunten Gehöften nahe, die auf landwirtschaftlicher Grundlage autark arbeitende Betriebe waren. Solche Anlagen sind aus der Latènezeit beispielsweise aus der Picardie bekannt. Hierzulande würde man eher an Befunde aus der Hallstattzeit denken, die dort vielfach ,,Herrenhöfe“ genannt werden. Wie die Anlage bei Eching jedoch zeigt, handelt es sich um eine typisch ländliche Siedlungsform. Im Vergleich zu diesen Beispielen wäre das Besondere im Fall des Oppidums von Manching, dass sich mehrere Anlagen zu einer größeren Struktur zusammengeschlossen haben.

Diesen Überlegungen widerspricht jedoch zum Teil die fortschreitende Auswertung der Funde. Es zeigt sich, dass die einzelnen Areale auf bestimmte Lebensbereiche spezialisiert sind und dadurch voneinander abhängig sein müssen. Es gibt Bezirke, in denen eindeutig das Handwerk dominiert, andere weisen eine vorwiegend landwirtschaftliche Nutzung auf.

F. Schubert fand bei der Interpretation seiner Ausgrabungen 1967-1971 (,,Straßengrabung“) heraus, dass in dem archäologischen Befundbild großflächige Bauplanungen verborgen sind. Ausgehend von der Ausrichtung der Gebäude konnte er mehrere Richtungsachsen der Bebauung feststellen. Allen Bauten liegen nach F. Schubert regelhafte Maßsysteme zugrunde. Er vermutet sogar ein einheitliches Fußmaß von ca. 31 cm. Die praktische Anwendung des Messens entsprach jedoch sicher nicht der Anwendung des Meterstabes heutzutage. Es sei hier eher auf altüberkommene Maßtechniken hingewiesen, wie etwa die vielfach in der Länge halbierbare Schnur.

Ein wesentliches Ergebnis all dieser Untersuchungen ist, dass konstruktive und planerische Elemente eindeutig erkennbar sind. Dies betrifft nicht nur die einzelnen Parzellen, sondern auch deren Beziehungen zueinander. So finden sich die Baurichtungen der Straßengrabung auch in anderen Bereichen des Oppidums wieder. Vor allem im Süden der vielfach überbauten zentralen Grabungsfläche hat sich die ältere Bauphase der Straßengrabung erhalten. Die Funde aus den Straßen- und Traufgräben beider Gebiete entsprechen sich und datieren etwa ab der Mitte des 2. Jh. v. Chr. Im Zentrum des Oppidums können für die 2. Hälfte des 2. Jh. v.Chr. sechs weitgehend oder teilweise rekonstruierbare Areale festgestellt werden, in denen die Bauachsen völlig gleich ausgerichtet sind. Ausgehend davon, dass dies eine Gleichzeitigkeit bedeutet, was sich – wie erwähnt – an einigen Stellen durch Funde bestätigen lässt, wurde für die Ausstellung ein Modell hergestellt. Es umfasst einen Ausschnitt von 350 m auf 200 m (7 ha) und beschreibt den Zustand im Bereich des Stadtzentrums etwa zur Zeit des Baues der ersten Stadtmauer. Als Grundstruktur erkennt man eine parzellenartige Einteilung, die sich nach verschiedenen Straßenzügen richtet. Hauptachse ist eine Ost-West verlaufende Straße, deren Verlängerung auf das Osttor von Manching trifft.

Von den Bauten sind heute nur noch flache, viereckige Pfostengruben als Verfärbungen im Boden erhalten. Die Abstände sind regelmäßig. Aufgrund der geringen Eintiefung in den Boden ist eine Wandkonstruktion mit Schwellriegeln statisch notwendig bzw. wahrscheinlich. Die Verbindungsart zwischen den viereckig behauenen Pfosten und Schwellriegeln ist unklar. Es gibt hier zwei Möglichkeiten: Entweder wurde jeweils zwischen zwei Pfosten ein Schwellriegel eingezapft, oder es wurde ein langer Schwellriegel mit den Pfosten verblattet.

Über die Wand gibt es nur wenig Informationen. Vereinzelt wurden in den Grabungen Wandteile gefunden. Es handelt sich um Hüttenlehm mit Rutenabdrücken. Somit wird sicher ein Teil der Häuserwände wie die Fachwerkbauten der Neuzeit errichtet worden sein. Im Kern befand sich eine Flechtwerkwand, die außen mit Lehm verstrichen wurde.

Reste weißer Farbe auf Hüttenlehmbrocken zeigen, dass diese Häuser getüncht wurden. Die Menge des ausgegrabenen Hüttenlehmmaterials ist jedoch im Vergleich zur Anzahl der Gebäude gering. Viele Wände müssen deshalb auch aus Spaltbohlen gebaut worden sein. Mit Ausnahme der Spaltbohlenwand eines Annäherungshindernisses vor dem Osttor haben sich jedoch keine Hölzer erhalten. Die Dachabdeckung wird aus Riedgras oder Stroh bestanden haben. Eine Innenunterteilung der Häuser ist aus dem Grabungsbefund ersichtlich. Nachweisbar ist jedoch nur eine Unterteilung der Wohnhäuser in zwei Haupträume. Da das Fußbodenniveau nie erhalten war, gibt es über weitere Unterteilungen, Flure und die Lage von Küche, Wohnraum oder Nutzräumen keine Hinweise.

Vergleicht man die Gebäudetypen mit der Verbreitung von Werkzeugen, Geräten oder Produktionsabfällen, so zeichnen sich unterschiedlich genutzte Bereiche ab. Im Gebiet der Straßengrabung scheint die Landwirtschaft dominiert zu haben. Es finden sich dort lange Magazinbauten, Ställe und Speicher. Die Magazinbauten sind zweischiffig und weisen eine Länge von 50-55 m auf. Speicher gibt es in verschiedenen Größen mit vier oder sechs Pfosten. Nicht alle davon müssen geschlossene Bauten gewesen sein. Es ist möglich, dass die mächtigen Pfosten auch nur ein Dach getragen haben, unter dem sich beispielsweise Heuvorräte befanden. Der sehr gut erhaltene Grundriss eines ca. 17 m langen und 7 m breiten Wohnhauses in der Straßengrabung kehrt so oft wieder, dass man von einem ,,Standardhaus“ sprechen kann. Das Gebäude ist durch eine Pfostenreihe in zwei verschieden große Räume unterteilt. Die Pfosten der Außenwand sind sehr regelmäßig, abweichende, größere Abstände scheinen die Lage der Türen zu kennzeichnen. In welchem Raum sich die Herdstellen befanden, ist in Manching meist nicht mehr nachweisbar, da das Laufniveau der Häuser im Bereich des Ackerhumus liegt

Im Süden der Zentralfläche waren die Erhaltungsbedingungen so gut, dass einige Herdstellen ausgegraben wurden. Die hier aufgedeckten Gebäudegrundrisse sind 17-19 m lang und 7-8 m breit. Zahlreiche Werkzeugfunde, Rohprodukte und Produktionsabfälle zeigen, dass in diesen Häusern Handwerker wohnten und arbeiteten.

Im Norden der Zentralfläche befindet sich die bereits erwähnte große Ost-West-Tangentiale der Siedlung. Beidseits der Straße trifft man ganz andere Bauten an: kleine Hütten mit Maßen von 4 auf 8 m. Einige Funde von Eisenbarren und Handelsgut aus diesem Bereich geben Hinweis, dass die Hütten dem Verkauf von Waren dienten.

Öffentliche Bauten wurden bislang an drei Stellen ausgegraben: in der Straßengrabung, in der Zentralfläche und westlich der Zentralfläche. Es sind meist polygone Pfostensetzungen, außen von einem Viereckgraben umgeben. Diese als Tempel zu deuten gelingt teilweise durch die außergewöhnlichen Funde. So wurden in der Nähe der 1955 aufgedeckten Struktur bereits 1936 verbogene Waffen und verschiedene Votivgaben gefunden, Funde, die die Existenz eines Heiligtums anzeigen.

Aus der Nähe des in der Zentralfläche direkt an der Hauptstraße gelegenen vermutlichen Kultbezirks (temenos) stammen eine Reihe spektakulärer Funde. Als wichtigsten zu nennen ist eine eiserne Pferdeplastik, die als Kultbild gedient hat.

Quelle: Kelten Römer Museum

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Erstellt 28.02.2012 | Letztes Update 28.02.2012 | 1656 Aufrufe