Die Wanderungen der Alpen- und Donaukelten

[Entnommen aus “Die Wanderungen der Kelten”, (L. Contzen, 1861)]
Gleichzeitig mit dem Zuge der Kelten nach Oberitalien setzte sich von Gallien aus ein zweiter Haufen nach Osten in Bewegung und drang unter Anführung des Sigovesus über den Rhein gegen die Herkynien vor, von denen wieder andere Zweige um die nördlichen Abfälle des Gebirges und über dessen Höhen bis Istrien und Illyrien hin sich niederliessen. So verkündet die alte nationale Ueberlieferung bei Livius, dessen Bericht an innerer Glaubwürdigkeit bei weitem der Angabe Justins, von Oberitalien seien die Kelten an die Ostalpen ausgezogen, vorzuziehen ist, wie unten weiter zur Sprache kommen wird. Leider hat sich nur diese dunkle Kunde von diesen Nordzügen erhalten, die dazu nicht einmal die Namen der Stämme, die sich denselben anschlossen, enthält. Caesar war der erste Römer, der den Rhein sah; aber auch er gewann nur unvollständige und verschollene, wenn auch bestätigende Nachrichten über die ältesten Bewohner der umliegenden transrhenanischen Gegenden.

Das Ergebnis seiner Forschungen legt er in den Worten nieder: „In der früheren Zeit waren die Gallier tapferer als die Germanen, griffen diese sogar an und schickten wegen ihrer grossen Bevölkerung, für die sie nicht Land genug hatten, selbst Colonien auf das rechte Ufer des Rheines. Nur die Tektosagen, die auf einem Zuge nach Pannonien eine Colonie in den Umgehungen der östlichen germanischen Waldhöhen zurückliessen, wohnten zu seiner Zeit noch dort. Auch der Umstand war ihm nicht entgangen, dass einzelne germanische Staaten weite Einöden und Wüsteneien an den Grenzen ihrer Gebiete hatten, ohne jedoch darauf zu kommen, dass diese einsamen Landstriche einst blühende Wohnsitze keltischer Völker waren, die dem Arm der kriegerischen germanischen Stämme erlagen. Besser unterrichtet ist freilich Tacitus, weil zu seiner Zeit die römische Herrschaft im Winkel zwischen Rhein und Donau bereits festen Fuss gefasst hat: Dass der gallische Staat ehemals mächtiger gewesen, bezeugt der höchste Gewährsmann Julius Caesar; daher ist es glaublich, dass auch Gallier nach Germanien hinübergewandert sind. Denn wie wenig konnte ein Fluss hindern, dass ein Volk, sowie es angewachsen war, andere Wohnsitze einnahm und behielt, als diese noch Gemeingut und durch keine Staatsgewalt abgemarkt waren! So wohnten zwischen dem Herkynischen Walde, dem Rhein und dem Main die Helvetier, weiterhin Bojer, beides gallische Völkerschaften.

Wir behandeln demgemäss die Alpen- und Donaukelten in folgender Ordnung:

1. Die Helvetier. 2. Die Bojer. 3. Die Oser und Gothiner. 4. Die Carner und Japoden. 5. Die Rhaeter und Vindeliker. 6. Die Taurisker (Noriker).




 
Erstellt 28.06.2013 | Letztes Update 29.06.2013 | 1527 Aufrufe