Die Bojer

Unstreitig bilden die Bojer das hervorragendste Glied der grossen Keltenfailiie, bekannt durch ihre Tapferkeit in den blutigen Kriegen gegen die Römer, Deutschen und Slawen und das traurige sie ereilende Geschick, dem sie bis zum Untergange erlagen. Pfister sucht in seiner „Geschichte der Teutschen“ ihre germanische Abkunft darzuthun. Ohne uns näher auf die Zurückweisung dieser unhaltbaren Behauptung einzulassen, der das gesammte Alterthum entgegensteht, wo sie stets mit Galliern verbündet auftreten, oder ausdrücklich als solche bezeichnet werden, wenden wir uns vielmehr zu der dunkeln schwach beleuchteten Geschichte des Volkes. Auch die Bojer finden wir, der Natur ihres Stammes getreu, wanderlustig, den Kampf über Alles liebend, eine Zeitlang in festen Sitzen dann von der Uebermacht der Feinde besiegt unter andern Völkerschaften verschwindend oder sich mit ihnen verschmelzend.

Schon ihr Wohnen im keltischen Stammland Gallien ist vielfach angezweifelt, weil sich keine Ueberreste von ihnen dort erhalten haben; weder Strabon noch Ptolomaios erwähnen dort bojische Sitze; auch Caesar, der doch das ganze Land zwischen dem Rhein, dem Meer, den Alpen und Pyrenäen durchzog und dem gewiss nicht das mächtige Volk entgangen wäre, auch er kennt sie nicht als sesshaft in dem von ihm bezwungenen Lande. Daraus dürfen wir jedoch nicht folgern dass sie nie in Gallien gewohnt, oder dass sie bei der ersten Einwanderung der Gallier nach dem Westen auf dem Marsche dahin zurückblieben; vielmehr lassen sich Spuren verfolgen, nach denen sie lange, bevor Caesar seinen Eroberungszug begann, Gallien verliessen, als jene seltsame Wanderungslust das ganze Volk wie eine Krankheit befallen hatte. So erschienen sie als die stärkste gallische Völkerschaft in Italien, gleichzeitig mit den Insubrern, Cenomanen und Senonen, in Gesellschaft der Lingonen, welche wir oben an den Quellen der Maas und den Abhängen der Vogesen fanden; ebenso liessen sich die Bojerreste nach der Schlacht bei Bibracte bei den Haeduern nieder, was ebenfalls auf früheres Zusammenwohnen hindeutet.

Wie sich nach Italien der eine Völkerstrom ergoss, so wogte der zweite nach Germanen; der keltischen Tapferkeit mussten die angrenzenden Völker weichen; dort nahm der gewaltige herkynische Wald, den wir uns hier speciel als das heutige Böhmen zu denken haben, sie auf. Von den Bojen erhielt das eroberte Land den Namen Böhmen (Boiohémum) bezeugt ihr Wohnen daselbst und die nie schwindende Benennung spricht für einen nicht kurz vorübergehenden, sondern langbehaupteten Besitz. Jedoch darf man mit Gewissheit annehmen, dass sie nicht die ersten Bewohner des Landes waren; denn nicht blos die uralten Sagen von den Fahrten eines Ungenannten und des Jason, von des Herakles und anderer Abenteurer Wanderungen durch diesen Erdstrich, Mythen, welche ebenso von historischen Thatsachen getragen werden, wie Homers Gesänge, sondern auch klare Zeugnisse und der Umstand, dass die Einwanderungen von West nach Ost geschahen, zeugen von einer frühen Bevölkerung der Donauländer. Wer aber diese Urbewohner gewesen sind, ist eine schwer zu lösende Frage; keltisches Wesen hat überall auf Sprache und Sitte zersetzend eingewirkt und sie verschlungen.

Desto mehr sind wir im Stande, die Ausdehnung der Bojen in ziemlich deutlichen Umrissen zu bestimmen. Von Tacitus wissen wir, dass die Markomannen ihre Wohnsitze einnahmen, so weit sich jene ausgebreitet hatten; nun aber werden die Grenzen des Markomannenreiches von den Alten uns folgendermassen angegeben: Markomannien war nach Tacitus die Vormauer Germaniens, indem die Donau die natürliche Grenzscheide bildete. Jenseits derselben, an rechten Ufer südlich, sassen die Noriker, ebenso gibt Vellejus die nördliche Grenze in Uebereinstimmung der von Poseidonios für die Bojer gezogenen. Ganz klar endlich sind die Angaben, dass das Markomannenreich vom herkynischen Waldkranz umschlossen war. Im Westen von denselben wohnten die Narisker, welche nach Ptoleimaios dort sassen.

Hier also im eigentlichen Böhmen breiteten sie sich aus und blüheten rasch empor; aber in ihrer älteren Geschichte ist nur ein einziger Hellpunkt, nämlich die Zeit des Poseidonios und die Kimbern. Als ein kräftiges Volk hörte sie nennen der völkerkundige Hellene; denn als die Kimbrische Völkerwoge sich gegen die Südlande Europas wälzte, bewährten sie ihren alten Ruf der Tapferkeit in Wahrung ihrer Grenzen und empfingen muthig den furchtbaren Stoss, der wirkungslos an ihnen vorüberging. Dies ist aber auch die einzige Thatsache, welche wir aus ihrer älteren Geschichte kennen; erst nach ihrer Verdrängung aus Böhmen finden wir ihrer bei den Alten Erwähnung gethan. Auch über dieses Ereigniss und die daraus hervorgegangenen Folgen schwebt ein gewisses Dunkel und schwerlich möchte sich mit Sicherheit ein unumstösslicher Gang der Begebenheiten ermitteln lassen.

Auf die Dauer nämlich vermochten die Bojer ihr Besitzthum gegen die umwohnenden und immer neu andrängenden Deutschen nicht zu schützen; nach der gewöhnlichen Ansicht mussten sie den Markomannen unter Marobod weichen, der nach der Niederlage, die ihm Drusus auf seinem Zuge vom Niederrhein her geschlagen, von seinen Sitzen am oberen und mittleren Main aufbrach und in das vom herkynischen Waldkranz umschlossene Land der Bojen einfiel und sie dermassen besiegte, dass sie seitdem verschwanden. Wenn auch das feststeht, dass Marobod Böhmen zum neuen Herrschersitz mit seinem Volke sich erkämpfte, so liegen doch gegen eine Vertilgungsschlacht mit den Bojen zu gewichtige Gründe vor, als dass ein solcher Bericht vor dem Richterstuhl der Kritik bestehen könnte. Zuvorderst erwähnen Strabon und Vellejus kurzweg Marobods Besitzergreifung ohne diesen Heereszug anders als hervorgerufen durch die Furcht vor den Waffen Roms darzustellen, deren Ueberlegenheit er erfahren hatte. Wie hätte ferner Caesar, der in Deutschland nur eine keltische Völkerschaft, die Tektosagen, kennt, welche dazu noch sehr unbedeutend sich bald unter die Germanen verlieren, das viel mächtigere Bojenreich unerwähnt lassen können, wenn es zur Zeit seiner gallischen Kriegeszüge noch bestanden hätte?

Mit grösserer Sicherheit vielmehr dürfen wir die grosse, von kriegerischen Deutschen durchstreifte Wüste (deserturn Helvetiorum), einen vordem blühenden Landesstrich auf einen Theil des herkynischen Keltenreiches beziehen. Wie hätte ferner das freundliche Verhältniss des Suebenfürsten Ariovist mit dem norischen Könige Voccio zu Stande kommen können, so lange zwischen beiden das grosse Bojenreich jene nähere Verbindung unmöglich machte? Beide Fürsten aber waren durch Blutsverwftndtschaft einander nahe getreten. Bestätigend endlich nennt Arminius bei Tacitus den Marobod proeliorum expertem, was keine blutigen Schlachten mit den Bojen voraussetzen lässt. Noch deutlicher sagt Tacitus an einer anderen Stelle: Praecipua Marcomannorum gloria viresque atque ipsa etiam sedes „pulsis olim Roiis“. Bojer gab es also nicht mehr zur Zeit als die Markomannen einzogen. Fragen wir nach den deutschen Völkern, welche muthmasslich die Bojer verdrängten, so mochten es suebische sein, namentlich Quaden, Eudosen, Haruden; Namen, die wir später unter den Schaaren des Ariovist wiederfinden.




 
Erstellt 28.06.2013 | Letztes Update 29.06.2013 | 1770 Aufrufe