Die Bojer

Die Vertreibung der Bojen aus Böhmen durch die Markomannen und deren Niederlassung daselbst unter Marobods Herrschaft sind also zwei verschiedene, um beiläufig ein Jahrhundert auseinanderliegende Ereignisse. Ueber die Donau und aus ihrem südlichen Stromgebiete verdrängt zogen die Vertriebenen nach Süden, denn der Stoss erfolgte von Norden, in das Innere Norikums hinein, geriethen aber dort mit den Tauriskern in einen Kampf. Da ihr Angriff auf deren Hauptstadt Noreja abgeschlagen wurde, zogen sie gegen 32000 Mann stark westlich zum Oberrhein und betheiligten sich an der grosscn helvetischen Wanderung, im J. 58 vor Chr., welche Caesar vereitelte und mit jene in grossen Kampfe eine glänzende Reihe von Siegen und Eroberungen in Gallien eröffnete. Sie bildeten mit den Tulingen die Nachhut des helvetischen Heeres und mussten sich, als der Tag der Entscheidung sich ungünstig für die vereinten keltischen Schaaren geneigt, gleichfalls ergeben.

Caesars Bundesgenossen in diesem Kampfe, die Haeduer, wünschten diese gefangenen Bojer, deren vorzügliche Tapferkeit bekannt war, bei sich anzusiedeln und baten daher den Sieger, sie ihnen zu übeilassen. Caesar gewährte es und so erhielten sie Wohnsitze zwischen dem Liger und dem Arar, wo ihr Name im Laufe der Zeit unterging. So wurden die Bojer also durch die unaufhörlichen, hartnäckigen Angriffe der Deutschen aufgerieben und aus Böhmen verdrängt, wobei freilich nichts natürlicher ist, als dass Viele in der alten Hemiath blieben und mit den Siegern assimilirt wurden. Nicht viel besser gestaltete sich das Schicksal der Bojen in Italien. Denn wohl zu unterscheiden von den Bojen mi herkynischen Waldkranz sind die Kelten gleichen Nainens an der Donau, östlich von den Tauriskern um den See Pelso. Nach Strabons unverdächtigem Zeugnisse kamen sie aus Italien, wo sie sich beinahe drei Jahrhunderte erhalten hatten, fast unter beständigem Kampf mit den mächtig heranwachsenden Römern, oft Sieger, öfter besiegt, bis endlich Scipio Nasica durch eine entscheidende Niederlage ihre Kraft dermaassen brach, dass er rühmend im Senate sagen konnte, nur Kinder und Greise in Feindeslande zurückgelassen zu haben.

Daher blieb den Bojen nur die Wahl zwischen Unterwerfung und Auswanderung. Die Freiheit über alles liebend verliess der Rest des einst so gefürchteten Volkes die alte Heimath und fand eine neue bei den Brüdern jenseits der Alpen: sie wurden Ostnachbarn der Taurisker und liessen sich um den Pelsosee nieder. Gegen diese so deutliche Angabe Strabons ist Zeuss in seinem bekannten Werke S. 246 ff. aufgetreten und hat sie geradezu als unrichtig nachzuweisen gesucht. Wenn auch das ein befremdender Umstand ist, dass Livius in der Schilderung der letzten Freiheitskämpfe der cisalpinischen Gallier keine Kunde von dieser Wanderung hat, und diese Wanderung selbst, was Zeit und Weg betrifft, in Dunkel gehüllt ist, so steht anderseits dem Strabon ein zu gewichtiger Zeuge zur Seite, als dass auch dessen Worte als unwahr verworfen werden könnten. Bei dem Zustande der damaligen geographischen Kenntnisse kann es uns nicht wundern, dass Polybios init Stillschweigen übergeht, anzugeben, wohin jene zogen. Erwägen wir endlich, wie viele Colonien als Stützpunkte des römischen Wesens angelegt wurden im Bojenlande, wie sogar die Hauptstadt desselben Bononia zu diesem Zwecke neu organisirt wurde, so ist es nichts weniger als unwahrscheinlich, dass das Volk durch Auswanderung seine Freiheit zu behalten vorzog, zumal da auch im J. 57 Roms Parma und Mutina Colonisten aufnahm, von denen Livius ausdrücklich bemerkt, dass unter sie das Land vertheilt sei, welches jünst noch den Bojen und vorher den Etruskern gehört habe.

Bald erholten sich die Vertriebenen nach dem furchtbaren Schlage, der sie getroffen, und fingen an im Gefühle ihrer neu erwachten Kraft sich Uebergriffe gegen ihre thrakischen Nachbarn die Geten zu erlauben. Die Geten, einst wohnend zwischen der Donau und dem Haimos, waren vor den Bastarnern, einem wahrscheinlich deutschen Volksstamme, zu ihren Brüdern, den Dakern geflohen. Vereint mit ihnen erhoben sie sich bald zu einer nie gesehenen Grösse unter ihrem Könige Boirebistas, dessen unternehmendem Geiste die Bezwingung fast aller Länder zwischen dem Haimos und den Karpaten gelang. ein heftiger Krieg entbrannte zwischen ihm und den Bojern, in welchen auch die Taurisker unter ihrem Könige Kritasiros, wahrscheinlich zu Hilfe gerufen, verwickelt wurden. Doch beide Völker konnten eine entscheidende Niederlage nicht abwenden; an dem Flusse Patisos (der Theiss) kam es zur Schlacht, in der blutig gestritten wurde; Boirebistas aber siegte. Der Hauptschlag traf die Bojer, sie hören fortan auf, einen vordem befürchteten Namen zu tragen.

Ihr Land, die Donau entlang im heutigen Oesterreich wurde so schrecklich verwüstet, dass es über 100 Jahre gewöhnlich nur die Bojenwüste hiess. Ptolemaios kennt an der westlichen Grenze Oberpannoniens Bojer und über ihnen hinaus Azaler, zwei Völker, die zusammen auch in einer Inschrift bei Gruter erwähnt werden. Auch sind sie genannt in einer alten Demonstratio Provinciarum bei Angelo Mai. Endlich finden wir unter den kleinen Völkern an der Donau, die der Herrschaft des Hunnenkönigs Ruas zu entkommen suchten, aufgezählt als Bundesgenossen der Römer, die aber schwerlich mit den Bojen zusanmmenhängen. Als die Römer gegen die Donau vordrangen, fanden sich schon nirgends mehr Bojen vor, sie waren schwerlich der Kenntniss jener entgangen. Dazu nennt uns das dem Augustus zu Ehren errichtete Siegesdenkmal 43 in den Alpen sesshafte und von den Römern unterjochte Völkerschaften, die zum grössten Theile so unbedeutend waren, dass man ausser ihren Namen nichts von ihnen weiss; die Bojer aber, dieses angeblich grossen Volkes, das Rom von früherer Zeit aus so wohl kannte, geschieht keine Erwähnung, zum offenbarsten Beweise, dass sie sich bereits unter den Völkern verloren hatten.

An die Vertreibung der Bojen aus den Herkynien knüpft sich ihre angebliche Siedelung in Bayern, was vor wenigen Jahren noch die brennende Frage der bayerischen Historiker war und auch jetzt noch manche, Freunde findet. Allem klar stellt sich aus dem Gang der Geschichte die Thatsache fest, dass die Bojer in den Donaugegenden nicht ein vorherrschendes Volk in festbewahrter, eigenthümlicher Nationalitat geworden sind, sondern unter den einbrechenden Deutschen verschwinden, nachdem ihre Kraft dem feindlichen Schwerte erlegen war. Die Annahme also, dass sie vier Jahrhunderte sich und ihren Namen verheimlicht und dann unter der veränderten Benennung Bajovarier wieder aufgetreten, lässt sich in keiner Weise festhalten.

(Quelle: Die Wanderungen der Kelten, Leonhard Contzen, 1861)




 
Erstellt 28.06.2013 | Letztes Update 29.06.2013 | 3929 Aufrufe