Die Helvetier

Die Helvetier, ein Volk, an dessen keltischer Abkunft trotz den Bemühungen Neuerer sie als Germanen nachzuweisen, nicht gezweifelt werden kann, ist der letzte auf unstäter Wanderung sich gefallende Stamm. Auch ihre älteste Geschichte trotzt allen Versuchen, sie aufzuhellen. Einer blossen Namensähnlichkeit wegen sie mit den Helvetiern zu identificiren dürfte etwas gewagt sein; ebenso wenig lässt sich aus Caesar darthun, dass sie dem Stamme der Belgen angehörten. Zur Zeit Caesars, der ihre damaligen Grenzen genau kannte, ohne jedoch über ihre Vorzeit etwas Bestimmtes angeben zu können, sassen sie durch die natürliche Beschaffenheit ihres Landes geschützt aber auch beschränkt zwischen dem Rhein, der sie von Germanien, dem Juragebirge, das sie von den Sequanern, dem Lacus Lemannus und dem Rhodanus, der sie von der Provincia schied.

Von dreien Seiten gibt Caesar also die Grenze an, die genaue östliche erfahren wir von Strabon: Die nordöstliche bildete der Bodensee, die südliche der St. Gotthardt. In ihrer Nachbarschaft in den Thälern des Rheins und des Rhodanus bis zu den Quellen sassen kleinere nicht helvetische Völker; darum ist auch Caesars Angabe, die Länge Helvetiens betrage 240 Millien, die Breite 180 Millien nicht buchstäblich zu nehmen und Zeuss vetritt hier die Ansicht, dass Caesars numerische Resultate nicht auf Messungen sondern auf Schätzungen beruhen. In ältester Zeit wohnten die Helvetier jenseits des Oberrheins und an der Donau, zwischen diesen Flüssen, dem Main und dem herkynischen Waldgebirge. Diese Angabe verdient vollen Glauben, weil auch historische Zeugnisse dieselbe stützen. Dahin gehört das gemeinsame Erscheinen der Helvetier und Bojen in der römischen Provincia, ihre dort gemeinsam erlittene Niederlage und die zahlreichen Spuren keltischer Bevölkerung am Main; sowie auch der Name dieses Flusses gleich dem des Rheins keltisch ist. Als aber die Germanen sich immer weiter nach Süden ausbreiteten, stiessen auch bald die Helvetier mit jenen zusammen und erlagen den steten Angriffen derselben. Ihr Land wurde zur Wüste, der geschwächte Rest verliess es und zog über den Rhein in die schützenden Gebirgsthäler, wo sie Caesar fand.

Ihr altes Land, die sogenannte Wüste der Helvetier kennt noch Ptolemaios als östlich vom Rhein. Nach Caesar zerfiel das Gebiet der Helvetier in vier Clans, unter denen der pagus Tigorinus der hervorragendste war, während von den übrigen nur ein einziger mit Bestimmtheit namhaft gemacht wird: der pagus Urbigenus (Verbigenus). Die beiden übrigen gewöhnlich angegebenen Namen: Toigenus und Ambronicus gründen sich auf gewagte Hypothesen. Den ersteren hat man aus Strabon 7, p. 293. hergeleitet, wo jedoch, wie Zeuss sagt, wahrscheinlich Twvysvoi aus Tvzovovl verunstaltet ist, und der letztere gründet sich auf dem Umstande, dass mit den Kimbern und Teutonen, an welche sich auch die Tigoriner anschlossen, auch das sonst fast unbekannte Volk der Ambronen mit zu Felde zog. Die älteste aber fabelhafte Erwähnung der Helvetier fällt in die Zeit des Tarquinius Priscus, wo ein helvetischer Werkmeister angeblich die Transalpiner zu ihrer Wanderung nach Italien bewog.

In die Geschichte treten sie jedoch erst zur Zeit der grossen kimbrischen Wanderung. Der steten Kämpfe mit ihren nordöstlichen Nachbarn satt und gereizt durch das Beispiel der Deutschen und ihre unermessliche Beute zogen die Tigoriner und Toygener im Einverständnis mit den siegreichen Fremden unter der Anführung des Divico in das südwestliche Gallien, um bessere Sitze sich zu erkämpfen. Hier stand ein römisches Heer unter dem Consul L. Cassius Longinus, der sich von den Helvetiern in einen Hinterhalt locken liess und mit dem grössten Theile seiner Soldaten den Tod fand. 107 v. Chr. Der Rest sah sich zu einer schmählichen Capitulation gezwungen und erhielt freien Abzug, aber unter dem Joch und gegen Ablieferung der Hälfte der Habe, welche die Truppen mit sich führten.

Nach den Siegen des Marius finden wir sie geschwächt in ihren alten Sitzen, ohne jedoch ihre alten Fehden einzustellen. Nachdem sie sich daher einigermassen erholt hatten, bewog sie der alte unstete Geist ihres beweglichen Blutes abermals hinauszuwandern aus der engen Heimath, welche freieren Bewegungen Schranken setzte, und mit den Waffen in der Hand einen neuen Heerd zu gründen, immerhin noch stark durch ihre streitbare Mannschaft. Um diese Zeit erschienen 32000 Bojer am rechten Rheinufer; nach einem vergeblichen Sturme auf Noreja schlossen sie sich nebst den Tulingern und Raurikern ihren keltischen Brüdern ab.

Die vereinten Schaaren wählten zu ihrem Zuge den leichteren Weg durch die römische Provinz, aber Caesar, eingedenk des schmachvollen Unterganges von Cassius und seinem Heere warf sich ihren weiteren Bewegungen entgegen und schlug sie am Arar blutig aufs Haupt; 13000 Kelten bedeckten die verhängnisvoll Wahlstatt. Die Geschlagenen kehrten mit Ausnahme der Bojer in ihre Heimath zurück, um unter römischer Hoheit die Rheingrenze gegen die Deutschen zu schützen. Zur Sicherung dieses Zustandes wandelten die Römer späterhin die alte keltische Stadt Noviodunum am Genfersee in eine Grenzfestung Julia Equestris um, indem Caesars keltische oder deutsche Reiter dort Landloose zugleich mit dem römischen oder latinischen Bürgerrechte empfingen.

Zur selben Zeit gelangten Vindonissa und Aventicum zu Macht und Bedeutung; letzteres nennt Tacitus die Hauptstadt des Volkes. So schienen die Helvetier noch einmal sich von den furchtbaren Schlägen erholen zu wollen, als der unselige Bürgerkrieg zwischen Galba und Vitellius ausbrach, in welchen sie verwickelt wurden. Als sie diesem zu huldigen sich weigerten und für Galba zum Schwerte griffen, brachte ihnen Caecina, der Legat des heranziehenden Vitellius, eine schwere Niederlage bei. Fast gänzlich vernichtet verschwinden sie fortan unter den einbrechenden Deutschen, von denen die Alemannen nach harten Kämpfen mit den Römern sich des Landes bemächtigten.

(Quelle: Die Wanderungen der Kelten, Leonhard Contzen, 1861)




 
Erstellt 28.06.2013 | Letztes Update 29.06.2013 | 1254 Aufrufe