Die Noriker (Taurisker)

A tergo Carnorum et Iapydum, qua se fert magnus Ister, Raetis junguntur Norici sagt Plinius 3, 24. Die Bewohner der östlichen Alpen fasste man unter dem Namen Noriker zusammen, was mit der älteren Benennung Taurisker gleichbedeutend ist, wie dies aus Plinius folgt: Juxta Carnos qondam Taurisci appellati nunc Norici. Zuerst werden sie erwähnt von Polybios, ihre Haufen kämpften mit den italischen Bojen gegen die Römer, desshalb wandten sich auch diese später, als sie aus Italien vertrieben waren, zu jenen, wie wir bereits oben bemerkten. An einer andern von Strabon aufbewahrten Stelle kommt auch der Name Noriker schon bei ihm vor, Gold habe man gefunden, sagt er, in der Gegend von Aquileja bei den norischen Tauriskern.

Hierbei ist zu bemerken, dass wenn auch hier beide Namen nebeneinanderstehen, und Strabon die Taurisker sogar zu einem Theile der Noriker macht, jede Benennung ihre besondere Tragweite hat; der eigentliche Name des Volkes war Taurisker, wie dies aus der angeführten Stelle des Plinius deutlich hervorgeht, anderseits führt Ptolemaios in der römischen Provinz Norikum keine Taurisker sondern Noriker als Einzelvolk in den östlichen Theilen derselben auf. Aeltere Nachrichten über die ostnorischen Landstriche, in denen Strabon das Volk noch mit dem Namen Taurisker bezeichnet fand, veranlassten ihn, Noriker als den Gesammtnarnen des Volkes, Taurisker als eine Abtheilung zu nehmen.

Die Grenzen Norikums sind im Westen Rätien und Vindelikien, der Aenus nach Ptolemaios, im Norden die Donau, welche es von Grossgermanien schied; im Osten Pannonien gegen welches Celeja und Petovio die äussersten Städte gewesen zu sein scheinen, endlich im Süden Pannonien und Italien, wovon es durch den Savus, die carnischen Alpen und das Okrageb, getrennt wurde. Ueber dem Savus kennt nur Strabon Painportos (Nauportos) als Ort der Taurisker. Ptolemaios ist der Einzige, welcher die norischen Völkerschaften genauer kennt; er spricht im Ganzen von fünf Stämmen, während das Siegesdenkmal des Augustus nur eines Erwähnung thut: Im Nordwesten sassen die Sevaken und zwar in dem Winkel, dessen Schenkel von der Donau und dein Inn gebildet werden.

Etwas südlicher waren die Alaunen sesshaft, im Salzburgischen, in derselben Gegend, wo auch die im Siegesdenkmal angeführten Ambisonten wohnten. Ambisonten ist soviel wie Bewohner der Isontaufer und da die Isonta derselbe Fluss ist mit der Salzach (Oppidum Salzburch supra Fluvium Igonta, qui alio nomine Salzaha vocatur), so hat Zeuss Recht, wenn er beide Namen nur für verschiedene Benennungen desselben Volkes hält, welches Alaunen nach den salzreichen Gegenden, die es bewohnte, und Ambisonten nach dem Flusse, an dem es seine Sitze hatte, geheimen habe. Die Ambidraven sassen, wie ihr Name sagt, am oberen Lauf der Drave. Ganz im Südwesten wohnten die Ambiliken, in dem Thale der Gail. Der Name des Volkes zeigt die alte keltische Benennung des Flusses. Endlich im Osten werden von Ptolemaios Noriker angeführt um ihren Hauptort Noreja. Eine kurze Zeit scheinen sich im Nordwesten die aus Bojohemum vertriebenen Bojer nach einem vergeblichen Angriffe auf Noreja aufgehalten zu haben; einen Wink für ihr dortiges Wohnen gibt noch der Name Bojodurum, ein vermuthlich von Bojen gegründetes Kastell an der Mündung des Aenus in die Donau.

Auch die Taurisker sind keltischer Abkunft, wie nicht nur die Namen ihrer Städte, sondern auch die ausdrücklichen Worte Strabons beweisen. Zu bemerken ist endlich, dass jedoch die Taurisker fremden Einflüssen nicht unzugänglich blieben; namentlich ligustische Elemente haben sie in sich aufgenommen. Schon in der unstäten schwer zu fesselnden Mythe tritt, wenn wir das über den heraklischen Zug nach den Rindern des Geryon Ueberlieferte combiniren, ein König Galliens Tauriskus auf, der nebst Ligys dem fahrenden Helden Hindernisse in den Weg legt. Deutlicher als diese Sagen, die als Nachklänge alter historischer, wenn auch an Zeit und Ort schwankender oder verwechselter Begebenheiten immerhin einige Achtung beanspruchen dürfen, spricht sich Strabon a. a. 0. aus. Wie weit sich das ligustische Element Geltung verschaffte, ist. nicht zu ermitteln, jedenfalls aber hat es keine überwiegende Bedeutung gewonnen. Gänzlich zu scheiden von den Tauriskern sind jedoch die Tauriner, wie dieses aus Plinius ausdrücklichem Zeugnisse erhellt: Augusta Taurinorum antiqua Ligurum stirpe.

(Quelle: Die Wanderungen der Kelten, Leonhard Contzen, 1861)




 
Erstellt 28.06.2013 | Letztes Update 29.06.2013 | 1907 Aufrufe