Die Oser und Gothiner

Die Gothiner werden zuerst von Tacitus und zwar als Kelten genannt. Sie hauseten nach ihm in Wäldern, auf Gebirgsscheiteln und Bergrücken, umschlossen von den Quaden und Markomannen an den äussersten Theilen der Herkynien, am rechten Donauufer. Ihre späteren Sitze scheinen sich bloss auf den südlichen Abhang des Gabretawaldes und auf das Land um die Quellen des Marus beschränkt zu haben. Einen nicht undeutlichen Wink zur Auffindung derselben gibt Tacitus in dem Zusatze: Partem tributorum Sarmatae, partem Quadi ut alienigenis injungunt. Nun bilden aber die Quaden das äusserste Volk Gerrnaniens im Osten; bei Cassius Dion grenzen sie an die Daker und sassen nach Vellejus östlich vom Marus. Dass Sarmaten genannt sind, darf nicht befremden, denn wenn auch Strabon sie hier nicht kennt, so wohnten sie doch etwa 20 Jahre später zur Zeit des Tacitus in diesen Gegenden. Wahrscheinlich sind sie die geschwächten Reste der Tektosagen, die noch Caesar als tapferes Nachbarvolk der Germanen nennen hörte, eine Vermuthung, womit der Umstand, dass sie in bedrängter Lage ihren Nachbaren Tribute zahlen mussten, wohl übereinstimmt.

Westlich von ihnen Sass das 0senvölkchen; über ihre Abkunft spricht sich Tacitus nur zweifelhaft aus; dennoch dürfen wir auch sie ohne Bedenken den Kelten zusprechen: Tacitus spricht nur geographisch, weil sie in Deutschland sassen, von ihnen als Germunorun natione, d. h. einer Nation unter den Germanen, nicht ethnographisch, daher gesteht er auch unten: Osos Pannonica lingua coarguit non esse Germanos. Gerade nun ihre pannonische Sprache möchte eher auf das Keltenland hinweisen, von dem sie als einzelner Clan auszogen: auf die Skordisker, welche nicht nur im Süden, sondern auch im Westen, wo sie verwandte Stämme wussten, sich niederzulassen versucht haben werden, und später von den überlegenen Germanen zurückgedrängt auf ihre Wälder und Bergrücken beschränkt wurden. Da sie aber stets mit den Gothinen zusammengenannt werden, so verhindert uns dieses, die Einen als Kelten, die Anderen als Germanen oder Slaven anzunehmen.

(Quelle: Die Wanderungen der Kelten, Leonhard Contzen, 1861)




 
Erstellt 28.06.2013 | Letztes Update 29.06.2013 | 990 Aufrufe