Die Raeter und Vindeliker

Im Mittellande der Alpen umschlossen von den Helvetiern im Westen, den Norikern im Osten, von der Donau im Norden und im Süden von der gewaltigen Alpenkette, die von Adulas bis zum Okra die Grenze bildend dahinlief, sassen die Vindeliker und Raeter. Auch sie bilden ein Glied des Keltenstammes, wie sich aus sprachlichen Resten und Ueberlieferungen der Alten entnehmen lässt.

Was zuvorderst den Namen Vindelici betrifft, so springt sem Stammwort vind gleich ins Auge. Demselben begegnen wir in vielen anerkannt keltischen Wörtern wieder, wie in Vindobona, Vindomagus, Vindonissa, Vindalum, Vindomora. Mit Unrecht bringt man daher den keltischen Volksnamen mit den deutschen Vindeli oder Vandali ja sogar mit den Venedi, wie bei den Deutschen die Slowenen hiessen, zusammen. Aehnlich verhält es sich mit Rätien. Lässt sich gleich der Name Paixoi entweder gar nicht, oder doch nur mit grossem Zwange auf eine keltische Wurzel zurückführen und ist er auch unter den soweit verbreiteten Kelten einzig und allem im Rücken der Alpen zu finden, so lässt sich doch mit Sicherheit von den Eigennamen die sich vorfinden, auf keltische Bewohner zurückschliessen. Ueberzeugend betreff beider Länder Bevölkerung, ist namentlich folgende merkwürdige Erscheinung: Eine Vergleichung alter Fluss- und Stammnamen zeigt, dass letztere auch in Gallien üblich waren; die Uebereinstiminung derselben, deren germanischer Ursprung sich nicht erweisen lässt, gewinnt nur durch die Annahme keltischer Wanderungen eine befriedigende Erklärung.

So war im lugdunensischen Gallien die Isara; ihr entsprechend in Vindelikien der Isarus und der Isarcus in Ratien; die Glana im Ardennenwald und in Vindelikien. Echt keltisch sind ausserdem viele andere Flussnamen; wir heben hervor: Virdo (die Wertach). Der Name kommt wieder vor in den Eigennamen Virdomarus, Viridoviz, Labara (die Laber; genannt in bayrischen Urkunden, und dazu die Eigennamen Labarus und Laburu. Endlich Städtenamen auf dunum: Cambodunum, Parrodunum, Carrodunum, bei Ptol. Venaxomodunum. Da aber die Alpenländer sowohl in ethnographischer, wie geographischer Beziehung den Römern erst spät genauer bekannt wurden, kann es nicht befremden, dass noch Strabon sämmtliche Bewohner derselben für Illyrier hielt. Welche verwirrte Vorstellung er sich von diesen Strichen gebildet hatte, beweisen klar folgende Stellen, wo. er den See bei den Bojern (lacus Pelso) für identisch hält init dem See bei den Helvetiern und die Bojer um den Pelsosee zusaminenstellt mit den Vindelikern um den Bodensee.

So müssen wir denn Strabons Autorität für diese Alpengegenden als unmassgeblich zürückweisen; bei den späteren Geschichtsschreibern finden wir nur zwei Aeusserungen über den nationalen Charakter der Raeter und Vindeliker, und zwar bei Zosimos, der um die Mitte des fünften, und bei Prokopios, der um die Mitte des sechsten Jahrhunderts schrieb. Zwar macht sich Zosimos in historischer Beziehung mancher Irrthümer schuldig und seine ethnographischen Angaben stehen häufig mit einander in innerem Widerspruch; dennoch dürfen wir letztere namentlich wo sie die Alpenländer betreffen, um so eher als wahr entgegennehmen, als sich seit Strabon die Vorstellungen der Römer über diese Länder durch den bleibenden Besitz bald berichtigt hatten. Ausdrücklich nennt Zosirnos die Truppen der Raeter und Vindeliker keltische Legionen.

Anderseits äussert Prokopios von den Gegenden an der Donau, die längst ihre Besitzer gewechselt hatten und deutschen Stämmen angehörten. So lange erhielt sich also die Erinnerung an die einstige, untergegangene Bevölkerung des Landes. Dass Zosimos die Vindeliker schweigend übergeht, kann nicht auffallen, da sie unter der römischen Herrschaft zu einer Provinz Raetia gezogen wurden, die Ptolemaios auf der Seite der Vindeliker durch die Donau und den Inn abgrenzt. Im Uebrigen haben weder die Raeter noch die Vindeliker eine erhebliche Stelle in keltischen und italischen Verbände eingenommen.

Ist im Allgemeinen hiermit die keltische Abkunft der genannten Stämme sicher, so bedarf dieses jedoch einer bedeutenden Beschränkung bei den Raeten. Raetien ist nämlich die ursprüngliche Heimath des merkwürdigene truskischen Volkes, wie Niebuhr darzuthun gesucht hat. – Wohl haben Plinius und Justin umgekehrt die Raeter für Abkömmlinge jener Etrusker, welche durch die einbrechenden Gallier aus dem Polande vertrieben wurden, hingestellt und ihr Schicksal nach der späteren Geschichtsschreibern eigenthümlichen Sucht an einen Anführer Raetus geknüpft, der erst umgekehrt aus dem schon vorhandenen bestehenden Namen des Landes herausgedeutet wurde. Dagegen hat Niebuhr mit siegender Wahrscheinlichkeit erwiesen, dass jene Rasener, welche nach Verschmelzung mit den pelasgischen Tyrrhenern die zu ihrer Zeit mächtigste und gebildetste Nation Italiens geworden, von den Alpen in die Halbinsel hinuntergestiegen seien.

Dieser Ansicht ist auch C. O. Müller beigetreten. Auch er nahm Anstoss an jenen Berichten über den Eroberungszug eines flüchtigen und bedrängten Volkes und schloss sich Niebuhrs Meinung an, in der Art, dass er die Rasener von Rätien aus bis zu den Apenninen wohnend denkt, von wo sie alsdann gegen die Umbrer vordringend und mit tarquinischen Tyrrhenern vereint das tuskische Volk zu bilden anfangen. Am Weitesten ist in dieser Hinsicht Ludwig Steub gegangen in seiner Schrift: „Ueber die Urbewohner Rätiens und ihren Zusammenhang mit den Etruskern. München 1843. 8.“, worin er meist aus sprachlichen Ueberresten zu zeigen sucht, dass vom Adulas bis an die Pinzgauer Tauern und in die Gegend von Salzburg und vom Karwendel bis an den Gardasee ein und dasselbe Volk sesshaft war und dass dieses Volk eine und dieselbe Sprache mit den Etruskern redete, endlich dass in Rätien sich niemals keltische Stämme niedergelassen haben. Wir können natürlich diese schroffe Behauptung nicht theilen; gewiss haben Kelten in Rätien gewohnt und die nördlichen Landstriche besessen, die lange ihr Gepräge getragen haben, während die Etrusker sich nach dem Süden zusammendrängten. Auf welche Grenzen aber genau die nichtkeltische Bevölkerung der Südalpen sich beschränkte, ist bei den dürftigen Nachrichten der Alten hierüber nicht zu ermitteln, wahrscheinlich auf das Gebiet der euganeischen Völker.

Die Hauptstämme sind nun folgende: Beginnen wir mit dem Westen, so sassen am östlichen Gestade des Bodensees, der von seinen Anwohnern seinen bekannten Namen erhielt, die Brixanten, mit ihrem Hauptort Brigantium, dem heutigen Bregenz. Im Norden folgen die Runikaten, weiter nach Süden hinab die Leunen und Consuanten, ganz im Süden die Benlaunen und Breunen im nördlichen Tyrol am Brenner; endlich die Likatier am Licus, welche sich besonders durch ungebändigte Wildheit hervorthaten; Strabon nennt ausserdem noch die Estionen (Cainbodunum), Klautinatier und Vennonen, letztere setzt Ptolemaios richtiger nach Rätien. Die Cennen bei Flor, neben den Vindelikern sind wahrscheinlich eine deutsche Völkerschaft, als welche sie auch von Cassius Dion nach seinem bekannten Sprachgebrauche bezeichnet werden. Cass. Das schätzbarste Denkmal über die Alpenvölker, welches zugleich vollständige und wegen seines officiellen Charakters glaubwürdige Nachrichten überliefert, ist die Inschrift des zu Ehren Augustus errichteten Siegeszeichens, welche uns Plinius aufbewahrt hat.

Ueber Vindelikien heisst es darin also: Vindelicorum gentes quattuor: Consuanetes, Rucinates, Licates, Catenates. Wahrscheinlich waren aber beide verschiedene Stämme, indem die Vindeliker sich auch über den Lech bis zu den Allgäuer Alpen ausgebreitet hatten. Was Rätien betrifft, so sassen in der Richtung von Westen nach Osten zuerst die Leponlier, unweit des Adulas; von Ptolemaios unrichtig in die kottischen Alpen versetzt, weil Caesar und Plinius, der Eine sie in der Nähe der Quellen des Rheines, der Andere unweit der Quellen des Rhodanus kennt; ihre Hauptstadt war Oscella. Südöstlich am Verbanus lacus folgen die Mesiaten, nur auf der Peutingerischen Tafel bekannt. Nordöstlich von ihnen sassen die Vennonen. Ihr Name scheint ein collectiver zu sein und die Vennosten und Vennoneten des Plinius mit zu umfassen (Vintschgau?).

Kleinere Stämme bezeichnen die Namen der Saruneten, Fokunuten, Isarker (Eisach) und Brixanten; ganz im Osten an den Grenzen der Noriker sassen die Breunen und Genaunen. Unbekannter sind die Namen der Peletriner und Berunenser im Thale des Plavis. Im Südosten waren endlich die nicht keltischen Sloener und Euganeer, letztere ein nicht unbedeutendes Volk um den Gardasee wohnend und sich ausdehnend bis Pataviurn und Verona. Zu ihnen gehören ebenfalls die Camuner und Triumpiliner. Diese euganeischen Völkerschaften stehen den Kelten fern und repräsentiren im Gebirge das alte tuskische Blut; ihre Sprache erkannte noch Livius als ähnlich der in Etrurien gesprochenen, wenn auch als rauher, da der abgeschlossene Norden schon sehr früh seine Verbindung mit dem Mittelpunkt der etruskischen Bildung abzubrechen genöthigt wurde. Endlich die Stoener waren aller Wahrscheinlichkeit nach Ligyer.

(Quelle: Die Wanderungen der Kelten, Leonhard Contzen, 1861)




 
Erstellt 28.06.2013 | Letztes Update 29.06.2013 | 2332 Aufrufe