Die Kirchseeoner Perchten

Was sind Perchten?
Die PerchtenBei den Perchten (oder Perschten) handelt es sich ursprünglich um ein sehr altes Brauchtum. Die genauen Ursprünge lassen sich heute nicht mehr feststellen, aber in verschiedenen Veröffentlichungen werden die Ursprünge teilweise auf die Kelten oder sogar bis in die Steinzeit zurückgeführt.

Das Auftreten der Perchten ist an die Winterzeit gebunden. Es handelt sich um ein Brauchtum der Wintersonnenwende, das während der Rauhnächte ausgeübt wird bzw. wurde. In der heutigen Zeit findet man es überwiegend im Alpenraum und im Bayerischen Wald. Wichtige Termine, an denen Perchten häufig erschienen, waren der 12./13. Dezember (Luzia) Wintersonnwende nach dem julianischen Kalender 21. Dezember (Thomasnacht) 5./6. Januar (Epiphanias).

Die Perchtengruppen (Passen) zogen ursprünglich zu den umliegenden Gehöften der Umgebung um diese zu besuchen. Perchten sind trotz des oft schaurigen Aussehens Glück- und Segensbringer. Sie sollen Haus und Hof im kommenden Jahr vor Unglück bewahren und Fruchtbarkeit bringen. Dies kommt beispielweise in dem Spruch „So hoch wie der Percht springt, so hoch wächst das Korn im nächsten Jahr“ zu Ausdruck. Außerdem sollten die Leute in dieser dunklen Jahreszeit wieder aufgemuntert werden, da nun das Schlimmste überstanden ist und nun die Tage wieder länger werden (Luznacht ist die längste Nacht, der Bauer wieder anders lacht, denn es wächst, es wächst der Tag…).

Vom Brauch und Sinn des Perchtenlaufs
Die PerchtenSeit über 50 Jahren wiederholt sich von Ende November bis Anfang Januar, also um die Zeit der Rauhnächte, in der Marktgemeinde Kirchseeon ein seltsames Treiben, das als „Perchtenlaufen“ bezeichnet wird. Die örtlichen Wurzeln dieses Treibens reichen zurück bis ins Jahr 1889, als durch eine verheerende Nonnenraupenplage im Forst große Mengen Holz zur Verarbeitung anfielen und daraufhin viele Arbeiter aus anderen Gegenden zuzogen – die auch so manches Brauchtum aus ihrer Heimat mitbrachten. Es ist Hans Reupold sen. zu verdanken, dass der Perchtenbrauch seit Mitte der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts, ausgehend von den fast vergessenen fragmentarischen Überlieferungen, wieder mit Leben erfüllt wurde und sich bis zum heutigen Tag zu einer festen Institution im Kulturbereich des Landkreises entwickeln konnte.

Das Kirchseeoner Perchtenlaufen zeichnet sich durch eine einzigartige Form der Darbietung aus. Bis zu sechzig vermummte Gestalten ziehen mit schaurigen Masken und bewehrt mit Fakeln und allerlei Musik- und Lärminstrumenten von Haus zu Haus, um mit ihrem Glücks- und Fruchtbarkeitsritual aus Liedern, Tänzen und Sprüchen den Bewohnern Glück und Segen zu bringen. Damit einher geht der Heischebrauch, also das Sammeln von Gaben als Belohnung für Ihr Tun. Die verbreitete Ansicht, dass bei diesem Spektakel der Winter verjagt werden soll, ist eine etwas zu kurz gefasste Vereinfachung, der schon allein der Zeitpunkt des Treibens widerspricht. In der dunkelsten Zeit des Jahres gilt es zweierlei; erstens: böse Geister und dämonisches Unheil fernzuhalten, wozu man sich durch Maskierung und Gebaren selbst in die Sphäre des Dämonischen begibt; zweitens: den Tiefpunkt des Jahreszyklus zu überschreiten, indem getanzt und in den Boden gestampft wird, um dadurch die neue Sonne und die Wachstumskräfte der kommenden Vegetationsperiode zu erwecken.

Dass dieser Brauch auch heute, in unserer aufgeklärten Gesellschaft, seinen Platz behaupten kann, liegt wohl in der Faszination begründet, die das Perchtenlaufen bewirkt, weil es auch in seiner jetzigen Form und trotz der neuzeitlichen Einflüsse und aller Brauchtümelei seine archaisch-rituellen Grundzüge bewahren konnte und damit der Sehnsucht nach mythischer oder mystischer Besinnung entgegenkommt. In unserer hoch technologisierten, multimedialen, entseelten Welt, in der eine neue Art der Spiritualität mehr und mehr an Bedeutung gewinnt, können die Perchten auch als das mahnend auftretende Gefolge der Frau Percht – der herabgewürdigten, zürnenden Erdgöttin – aufgefasst werden.

Waren es in alter Zeit noch die bedrohlichen Mächte der Urgewalten, die uns mitunter als „wildes Heer“ heimsuchten, so sind es heute die Geister eines unorganischen Fortschritts, die uns – wie in einer globalen Rauhnacht – als entfesselte zerstörerische Mächte bedrohen und überwunden werden müssen durch ein erneuertes geistiges Wachstum, durch eine erneuerte Achtung der natürlichen Kreisläufe und einen entsprechend verantwortungsvollen Umgang mit unseren natürlichen Lebensgrundlagen. Die Perchten sind also weiterhin Mittler zwischen Mensch und Natur, bleiben Glück- und Segensspender und, darüber hinaus, mit ihrem Tun und Wirken Botschafter des kulturellen Lebens. Weil nur gelebtes Brauchtum auch lebendiges Brauchtum ist.

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Erstellt 19.11.2012 | Letztes Update 21.11.2012 | 4711 Aufrufe